1. Vom rechtschaffenen Wachstum des Glaubens, 1691
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(459*) Die wahre Glaubens-Gründung / Kräftigung / Stärckung / und Vollhereitung / In einer Predigt aus dem Evangelio am XXI. Sonntage nach dem Feste der H. Drey-Einigkeit Joh. IV. v. 47—54.
ANNO 1691. Zu Halberstadt in der Kirchen zum H. Geiste öffentlich fürgetragen / Von M. AUGUST HERMANN Francken.
(460) Die Gnade unsers HErrn JEsu Christi / die Liebe Gottes / und die Gemeinschafft des H. Geistes / sey mit euch allen / Amen.
HAbe ich dirs nicht gesaget / so du glauben würdest / du soltest die Herrligkeit GOttes sehen. Also saget Christus / Joh. 11.40. zu der Martha / und erinnert sie dadurch / daß er ihr die Aufferweckung ihres Bru/ 461 /ders Lazari zugesaget habe / und weil sie solcher Verheissung nicht gleich geglaubet / sondern vermeinet / es rede der HERR von der Aufferstehung am letzten Tage / und deßwegen / indem ihr Bruder schon 4. Tage im Grabe gelegen / und zu stincken ohne Zweiffel angefangen / das Grab nicht wolte eröffnen lassen / so wiederholet der HERR hiemit seine Zusage / straffet ihre Kleingläubigkeit / und erwecket sie zu einem festen und behertzten Glauben / damit sie in und durch solchen Glauben / die Herrligkeit Gottes in der Auferweckung ihres Bruders Lazari gleich anietzo sehen und erkennen möchte. Wir dürffen nicht gedencken / Gel. in dem HErrn / daß dieser Ausspruch (462) des Heylandes von der Erkäntnüß der Herrligkeit Gottes durch den Glauben / allein die Martha angehe / sondern gewiß ein jeglicher unter uns / mag sicherlich glauben daß er auch von dem HErrn JEsu also angeredet werde: So du glauben wirst / so wirstu die Herrligkeit GOttes sehen. Zwar sähe Esaias die Herrligkeit Gottes / cap. 6. Joh. 12/41. deßgleichen Ezechiel cap. 1/9/10. etc. und andere Propheten. Deßgleichen sahen sie die Israeliten zu unterschiedenen mahlen auff ihrer Reise in das Land Canaan; Aber dieses alles war eine gantz besondere Offenbahrung der Herrligkeit GOttes / welche traun auff solche Art und Weise / denen Gläubigen Neues Testaments nicht ist verheissen ( 463) worden / sondern hier ist die Rede von der jenigen Herrligkeit GOttes / die in Christo JEsu als dem eingebohrnen Sohn vom Vater voller Gnad und Warheit f 1 durch den Glauben an ihm / erkant und gepriesen wird / nach dem dieses Ebenbild der Herrligkeit des Vaters das ewige Wort GOttes welches Fleisch worden / unter uns / ja in uns wohnet / und wer nun gläubet / der siehet also die Herrligkeit GOttes / und niemand siehet sie ohne durch den Glauben. So solte dann nun billig ein jeglicher unter uns dieselbige gesehen haben / und wissen was sie sey / weil wir uns ja nicht nur Christen nennen / sondern uns auch des Glaubens an den HErrn JEsum als Evange/464/lisehe Christen für andern rühmen / und dadurch gerecht und seelig zu werden hoffen. Lieber aber solte man diejenigen welche insgemein mit freyem Munde bekennen / daß sie an Christum glauben / ernstlich befragen / ob sie die Herrligkeit GOttes gesehen / so würden sie gemeiniglich nichts davon wissen oder verstehen wollen. Daher gewiß zu schliessen / daß der meisten Glaube nicht rechter Art seyn müsse; Denn wäre er rechtschaffen / so hätte der Mensch durch solchen Glauben die Herrligkeit GOttes gesehen / und sehe sie noch. Weil dann nun der Glaube / nicht eine geringe Sache / sondern eine himmlische und göttliche Gabe ist / wie Christus bezeuget Joh. (465) 7. v. 38. Wer an mich glaubet / (nicht wie er will / sondern) wie die Schrifft saget / von des Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers ßiessen; So wollen wir auch vor dieses mahl unsern Haupt-Zweck seyn lassen / die rechtschaffene Art des Glaubens aus dem Exempel des Königischen zuerwegen / und uns nach der- selbigen zu prüfen. Dieweil wir aber wissen / daß Gott in einem Licht wohnet / da
1 Vgl. Joh. 1,14*.