276
VI. Predigten
thigten / Bedrängten / Unterdrückten / ja man sehe an das Alte und Neue Testament / so werden alle Exempel beweisen / daß der Glaube im Creutz empfangen / gebohren / erhalten und vollendet sey / und ohne Creutz keine Krafft des Glaubens bewiesen sey. Ists nicht äusserlich / so ists doch innerlich. Abraham muste erst ausgehen aus seinem Vaterlande / und aus seiner Freundschafft / 7 muste der Verheissung lange warten / und hoffen / da nichts zu hoffen war / 8 und endlich die einige Hoffnung des verheissenen Seegens dem HErren zu einem Opffer darbringen; 9 Isaac muste sich von Ismael verspotten lassen; 10 Jacob wurde von seinem Bruder E/478/sau verfolget / u und von dem Laban gedrucket; 12 Joseph von seinen Brüdern verrathen und verkauftet / 13 und solches lehren alle übrigen Exempel / deren eine gute Anzahl zum Ebr. II. * 11 angeführet werden.
Dieses war auch allhier das erste / dadurch des Königischen Hertz von GOtt zu einem wahren Glauben zubereitet ward. Denn sein Sohn war todtkranck. Dieses ist zwar eine äusserliche Trübsal / dergleichen auch Heyden und andere Ungläubige erfahren / und ist daher kein eigentlich Christen-Creutz zu nennen / so lange es vor der Bekehrung hergehet / vielmehr eine Plage / dadurch denn noch wohl der Mensch nicht allein seiner Sünden we/479/gen gestraffet / sondern auch fürnehmlich zur wahren Busse gelocket wird. Ob wohl auch eben dieses äusserliche Leiden denen Christen auch ein geheiligtes Creutz wird / iedoch nicht in der Maaß / und in solcher eigentlichen Benennung / als das Leiden um der Warheit und Gerechtigkeit willen. Den Königischen suchte GOtt durch dieses Aeusserliche auff das Innere und War- haffte zu führen / griff ihm damit an das Hertz / das noch an dem Kinde hienge / und daher noch einen Schmertzen und innerliches Leiden über dessen Kranckheit empfinden und erfahren muste / etc.
Das sind die heiligen Wege des HErrn / daß er zugreifft / wo es am wehesten thut / und dasjenige weg/ 480 )nimmt / darauf! das Hertz noch am meisten erpicht ist / dem Weibe den Mann / den Eltern die Kinder / und so weiter. Da will denn GOtt / daß man seine eigentliche Meinung und Zweck recht verstehen und erkennen soll / nein- lieh / daß es ihme darum nicht zu thun sey / daß er nur den Menschen plage und wehe thue / sondern damit er sein Hertz loß reisse von der Liebe der Creaturen / und so dann kräfftiglich erwecke und auffmuntere / seine Liebe / Ruhe und Vergnügung allein in GOtt zu setzen und zu suchen / ja in dem menschlichen Hertzen die rechte wahre Busse und Bekehrung / und den lebendigen Glauben an den HErrn JEsum zu wircken / oder zum we /481 Jnigsten das Hertz darzu zu bereiten / und seines Göttlichen Trostes fähiger zu machen. Es ist aber gewiß höchst von nöthen / daß es bey dem äusserlichen Leiden oder bey der Betrübniß um äusserliche Ursachen willen nicht verbleibe / sondern / daß das menschliche Hertz dadurch gezogen und ge- lencket werde auff diejenige eigentliche Zerschlagung des Hertzens / welche für den wahren lebendigen Glauben hergehen muß / nemlich daß er lerne das grosse Elend seiner Seelen / darein er durch die Welt und Creatur-Liebe verwickelt ist / recht erkennen / und eine wahre Zerknirschung und Reue des Hertzens / Verdruß über sich
7 Vgl. 1. Mose 12,1.
8 Vgl. Röm.4,18*.
9 Vgl. 1. Mose 22,1 ff.
10 Vgl. 1. Mose 25,18.
11 Vgl. 1. Mose 27,41 ff.
12 Vgl. 1. Mose 29,14 ff.
13 Vgl. 1. Mose 37,1211. 11 Hebr. ll,lff.