1. Vom rechtschaffenen Wachstum des Glaubens, 1691

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selbst / und Eckel für allem (482) Welt-Wesen darob erfahre. Wenn der Mensch also in dem ihm von GOTT zugeschickten Creutz fein wohl lernet unter sich graben / so wird ihme solches ein edler und unvergleichlicher Grund seyn / das Gebäude des Glau­bens darauf! zu setzen.

Damit wir aber desto besser erkennen / wie das Creutz so gar herrliche Gelegenheit zu der wahren Bekehrung geben könne / so mercken wir an dem Exempel des Königi- schen / daß es gar herrliche Dinge in dem Hertzen schaffe / Erstlich erwecket es den Königischen / das Wort oder die Verkündigung von CHristo mit auffmercksamen Ohren zu hören. Wäre ihm sein Sohn nicht todtkranck worden / wer weiß ob ers zu (483) Hertzen genommen hätte / wenn er gehöret / daß JEsus aus Judäa in Galiläam kommen? Aber nun ist ihm dieses eine sehr tröstliche und angenehme Zeitung ge­wesen. Und so ist es / wenn man ohne Creutz dahin gehet / und in Augen-Lust / Fleisches-Lust und hoffärtigen Leben ersoffen ist / oder doch nur sein Leben fein gemächlich hinbringet / da gehet kein Spruch zu Hertzen / und wenn er noch so trostreich wäre / sondern man lieset und höret sie oben hin / und lässet die Krafft fahren / wo aber das Hertz durch Trübsalen erweichet / und mürbe gemachet ist / und von den Brüsten der Welt-Liebe gleichsam entwehnet und abgesetzet ist / Jes. 28/9. Ach wiewohl kömmt da aller (484) Trost zu statten / der den Leidtragenden / Elenden / Armen / Geringen / Mühseligen und Beladenen gegeben wird. Denn GOtt ist es / der die Geringen tröstet. 2. Cor. 7. 15 Insonderheit / wenn das menschliche Hertz den Zorn GOttes über seine Sünde mit Schmertzen empfunden hat / da ist die Predigt von Christo angenehm und süsse. Denn da erführet der Mensch / wie nöthig ihm ein Heiland sey / der seine todt-krancke Seele lebendig mache. Zwar kömmt der Heilige Geist durch die Predigt vom Glauben. Gal. 3/2. Aber ein zerschlagener und gedemü- thigter Geist / hat solche Predigt am liebsten / und allein / allein die Anfechtung lehret auffs Wort (485) mercken. Jes. 28/19. Da beginnet der Mensch in der heiligen Schrift zu suchen (sQevväv Joh.5/39.) nemlich wie man in einer Gold-Gruben nach Golde gräbet: Also gräbet man im Creutz nach dem rechten und lauteren Golde des Glau­bens.

Zum Andern treibet auch das Creutz zu Christo selbst / daß man nicht nur das Wort höret / sondern durch das Wort sich zu Christo locken / ziehen und treiben lässet. Denn da der Königische höret / daß JEsus aus Judäa in Galiläam kommen war / da gieng er hin zu ihm. Es ist ein Anfang und eine Gründung zum Glauben / wenn der Mensch mit Trübsal von GOtt beleget wird / aber noch nicht genung / der Mensch muß (486) auch durchs Creutz zum Wort kommen; Aber auch dieses noch nicht genung / sondern der Mensch muß auch hindurch dringen / und durchs Wort zu Christo selbst kommen; Denn ohne Christo / als dem Kern / wäre das Wort dem Menschen eine leere Schale. Dann mag sich das Hertz erst erfreuen / wenn es in dieser Krippen das Kindlein liegend findet. 16 Die Pharisäer und Schrifft-Gelehrten waren im Wort hocherfahrne Leute / suchten und forscheten von der Kindheit auff in der H. Schrifft / aber das verwiß ihnen Christus / daß sie durch das Wort / welches von ihm zeugete / nicht zu ihm selbst kommen wolten / daß sie das ewige Leben wolten / daß sie das ewige Leben (487) hätten erlangen mögen / Joh. 5/39.40. Und darinnen haben die Pharisäer noch immer viele Nachfolger / die das Wort wol fleißig hören / lesen / meditiren / aber es darbey bewenden lassen / daß sie aus dem Wort viel von Christo zu sagen und zu schwatzen wissen / und nie selbst als Mühseelige und Be-

15 2. Kor. 7,6.

16 Vgl. Luk. 2,12*.

19 Peschke, Francke-Werke