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VI. Predigten
ladene zu Christo kommen / um von ihm erqvicket zu werden / noch sein Joch auf sich nehmen / und wahre Sanfftmuth und hertzliche Demuth von ihm zu lernen / Matth. 11/28.29. Da ist nun das Creutz der beste Zucht- und Lehrmeister / und treibet den Menschen hurtig fort durchs Wort zu Christo / und da gehets denn erst recht an / daß ein fester und unbeweglicher Grund zum (488) Glauben geleget wird.
Zum Dritten treibet auch das Creutz zu einem ernstlichen Gebet / wie wir am Köni- gischen sehen / daß so bald er zu JEsu kommen / er ihn gebeten / daß er hinab käme / und helffe seinem Sohn. Da ist denn schon noch ein tiefferer Grund / denn der Mensch suchet einen wahren und lebendigen Glauben zu erlangen. So lange die Menschen keine Trübsalen erfahren / noch einige Noth fühlen / so beten sie ja wohl auch / aber aus Gewohnheit / ohne Andacht / hertzlichen Verlangen / kindlicher Zuversicht / Inbrünstigkeit / Beständigkeit; Aber in und unter dem Creutz / es sey nun innerlich oder äusserlich / fänget der Mensch erst an / die Kunst recht zu beten / (489) zu erlernen. Wer durch Erkäntniß des Zorns GOttes über seine Sünde / mit einem geängsteten und zerschlagenen Hertzen zu Christo kommen ist / der weiss erst / wie er sich mit Gebet und Flehen zu CHristo halten / und ihn demüthiglich bitten soll / daß er hinab komme / in das Hauß seines Hertzens / seine todt-krancke Seele zu er- qvicken. Das Gebet ist gleichsam der Eymer: Wer nur recht durstig ist nach dem Wasser des Lebens / welches Christus giebet / und das in das ewige Leben qvillet / Joh. 4/14. Der ergreiffet diesen Eymer mit inniglicher Begierde / und schöpffet mit Freuden Wasser aus dem Heil. Brunnen. Jes. 12/3.
(490) Zum Vierdten treibet das Creutz unter die Anfechtung oder Versuchung zum Guten / wie wir an dem Königischen sehen / welchem der HErr JEsus in seiner Bitte nicht alsobald willfahrete / sondern ihn vielmehr straffete / und von sich zu weisen schiene / da er sagte: Wo ihr nicht Zeichen und Wunder sehet / so glaubet ihr nicht. Es begunte zwar der Glaube in dem Hertzen des Königischen gegründet zu werden / aber es war noch ein gar schwacher und geringer Anfang / und meynete er / wenn Christus seinem Sohne helffen solte / so müste er hinab kommen in sein Hauß / die Hände auff ihn legen / und irgend einige Worte darzu sprechen / und also (491) gesund machen. Daher wirfft ihm billig Christus solche Kleingläubigkeit für / und wil so viel sagen / daß er seinem Sohne wohl helffen könte / wenn er auch gleich nicht hinab käme und die Hand auff ihn legte / und daß er sich ja hüten solle / daß er seinen Glauben an ihn / nicht dahin verspahre / biß er Zeichen und Wunder sehe. Das ist nun auch die gemeine Art der Menschen / nemlich / wenn sie ein klein wenig angefangen haben / einen Grund / des Glaubens an dem HErrn JESU / zu legen / so wollen sie gleich hindurch fahren / und soll flugs also seyn / wie sie es wünschen und verlangen / ja nach ihren unzerbrochenen und ungeübten Hertzen / schreiben sie dann wohl dem lieben (492) GOtt vor / die Art und Weise / wie auch Zeit und Stunde / wie und wenn ihnen GOTT helffen solle / und wollen also nicht eher glauben / biß sie Zeichen und Wunder sehen. Da ist nun der Glaube noch nicht tieff genung gegründet / und solches siehet Gott mit erbarmender Liebe an / darumb hilfft er dem Menschen nicht gleich nach seinem kindischen Willen / sondern lässet ihn ein wenig zappeln / damit er unter der Versuchung noch tieffer grabe / und einen gewissem Grund seines Glaubens lege / ja es leget da gleichsam der Heyland selbst mit Hand an / und hilfft dem Menschen graben / damit es ein Göttlicher Grund sey / darauff der Glaube ge- setzet wird. Bey (493) jenem Anfänge ist noch viel Heucheley / so wie Schlacken am Golde hanget / das wird nun hier geläutert / damit der Mensch in Gedult und wahrer Beständigkeit zu einer lauterem Übergabe in GOtt und seinen Willen gelange.
Und so sehen wir auch hier zum Fiinfften / daß die Trübsal auch Gedult und Beständigkeit wircket / Rom. 5/3. denn der Königische wird in solcher Versuchung