1. Vom rechtschaffenen Wachstum des Glaubens, 1691
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nicht rückfällig noch stutzig / spricht nicht: Wilt du mir nicht helffen / so muß ich zu andern Aertzten gehen / und sehen / wie mir geholffen werde; Sondern er hält beständig an / bittet und flehet: HErr komme hinab / ehe denn mein Kind stirbet. Es war zwar (494) auch dieses noch in grosser Schwachheit / denn er beharrete dabey j daß Christus zu ihm hinab kommen solte. Denn sein Glaube ward noch gegründet / und war noch nicht zu einem rechtschaffenen Aus- und Durchbruch gekommen. Aber das war an ihm zu loben / daß er eine rechte Beständigkeit erwiese / und so tieff grub / als er immer kunte. Und so muß es auch allzeit seyn / soll anders der Glaube recht wol und fest gegründet werden / wenn der Mensch einmal mercket / daß er von GOtt zu Christo gezogen wird / so ist es nicht genug / daß er ein und andermal anhält um seine Hülffe / und dann wieder abstehet / und in seinem vorigen Sinn dahin gehet / sondern er muß weiter hindurch (495) dringen / und durchs Gebet mit GOtt ringen und kämpffen / und nicht ablassen / er segne ihn dann / wie an dem Jacob fürgebildet ist 1. B. Mos. 32. 17 und solte es ein / zwey und mehr Jahre währen / und er von einer Morgen-Wache biß zur andern warten müste / 18 und ohne Trost und Erqvickung dahin gehen. Denn die Yerheissung wird ja noch erfüllet werden zu seiner Zeit / und wird endlich frey an Tag kommen und nicht aussen bleiben / ob sie aber verzeucht / so harre ihr / sie wird gewißlich kommen / und nicht verziehen / und der Gerechte wird seines Glaubens leben. Hab. II/3.4. Weil nun der mehrere Theil der Menschen nicht dran wollen / nach dem lauteren Golde (496) des Glaubens so tieff zu graben / so ist dann auch kein Wunder / daß die allerwenigsten zu einem wahren lebendigen Glauben gelangen / da doch der Glaube ein so herrliches Kleinod ist / daß es einen nicht dauren solte / wann man auch sein Lebenlang darnach graben müste / so man es nur endlich erlangete. Und das ist also die Gründung des Glaubens / nemlich / daß man durchs Creutz äusserlich oder innerlich gezogen wird / seiner Seelen Kranckheit erkennet / das Wort Gottes mit Lust und Liebe höret und an- nimmet / und hindurch zu Christo dringet / ihn bittet / und im Bitten anhält / und nicht müde wird / sondern unter aller Versuchung beständig auff Christum siehet / biß (497) man Hülffe erlanget. Wer also seinen Glauben gründet / den vergleiche ich einem klugen Manne / der sein Hauß auff einen Felsen bauet: Da nun ein Platz-Regen fiel / und ein Gewässer kam / und weheten die Winde / und stiessen an das Hauß / fiel es doch nicht / denn es war auff einen Felsen gegründet; Wer aber seinen Glauben nicht also gründet / der ist einem thörichten Mann gleich / der sein Hauß auff den Sand bauet: Da nun ein Platz-Regen fiel / und kam ein Gewässer / und weheten die Winde / und stiessen an das Hauß / da fiel es / und thät einen grossen Fall / also mit dem Heyland (498) zu reden aus Matth. 7/24. seq.
Nach der Gründung haben wir nun vors Andere auch zu betrachten bey dem Wachsthum des Glaubens die Kräfftigung desselben. Christus spricht zum Königischen: Gehe hin / dein Sohn lebet. Der Mensch glaubet dem Wort / das JEsus zu ihm saget / und gieng hin. Wie ein Mensch seine Hand dem andern beut / und der andere mit seiner Hand drein schlüget / und also eine Verbindung unter ihnen geschiehet; Also verhält sichs auch hier; Christus reichet dem Königischen die Verheissung der Hülffe dar / der Königische ergreiffet solche mit der Hand des Glaubens / und wird also der Hülffe / die ihm Christus verheissen / in der That theilhaff/499/tig. Und also gehets zu mit der Kräfftigung des Glaubens / wenn nemlich der Mensch sein Sünden-Elend schmertzlich erkennet / dem Worte GOttes glaubet / oder dessen Zeugniß Gehör giebet / zu CHristo selbst kommet / mit Bitten und Flehen sich in seine Gnade und
17 1. Mose 32,27.
18 Vgl. Ps. 136,6*.
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