1. Vom rechtschaffenen Wachstum des Glaubens, 1691
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demjenigen heute wiederfahren ist; Er gehet hin / und begegnet seinem Nechsten mit hertzlicher und brünstiger Liebe. Und so stehet denn der Glaube / durch die Kräffti- gung GOttes in seiner wahren Krafft. Wer nun der Gründung nicht vergisset / bey dem wird auch die Kräfftigung nicht aussen bleiben.
III. Nun haben wir ferner / und zwar zum Dritten bey dem Wachsthum des Glaubens zu besehen desselbigen Stärckung. Wie des Königischen Glaube sey gestärcket worden / lehren uns die folgende Text-Worte: Und da er (506) hinab gieng / begegneten ihm seine Knechte / verkündigten ihm / und sprachen: Dein Sohn lebet. Nemlich die wirckliche Erfahrung ist es / dadurch ein für GOtt gerechtfertigter / und im Glauben gekräfftigter Christ von GOtt gestärcket und befestiget wird. Dannenhero wünschet Paulus den Gläubigen zu Philippen / daß sie zunehmen und wachsen möchten in allerley Erkäntniß und Erfahrung / Phil. 1. v.9. und Rom.5/3. saget er: Wir rühmen uns auch der Trübsal / weil wir wissen / daß Trübsal Gedult bringet / Gedult aber bringet Erfahrung. Wenn der Mensch (507) im Anfänge seines Christenthums stehet und durch den H. Geist das himmlische Licht des Glaubens in seinem Hertzen angezündet ist / so ergreiffet er wohl durch den Glauben / nicht allein die vollkommene Gerechtigkeit JEsu Christi / und in derselbigen die Gnade des himmlischen Vaters / sondern auch die Gemeinschafft der Leyden / die da sind in Christo JEsu / und die darauff folgende ewige Herrligkeit / ja alle diejenigen Gnaden-Schätze / die ihm CHristus erworben hat; Aber damit / daß er solches alles warhafftig im Glauben ergreiffet / und dessen durch ein Götti. Zeugniß des H. Geistes versichert ist / erlanget er nicht zugleich / und in einem Augenblick von allen (508) denjenigen Dingen / welche er glaubet / die wirckliche Erfahrung / sondern diese findet sich nach und nach in dem Fortgange des Christenthums immer heller / klärer und reicher / und iemehr nun der Mensch von GOtt selber also im innersten Grunde seines Hertzens gelehret / geleitet / geübet / und in denen sowohl innerlichen als äusserlichen Führungen Gottes in die wirckliche Erfahrunge gesetzet wird / ie stärcker wird er an dem innern Menschen / und ie herrlicher grünet und blühet die Krafft des Glaubens / und kommen herfür die wahren Früchte der Gerechtigkeit / die durch Christum JEsum geschehen in uns.
Ein Exempel dieser Warheit giebet uns nicht allein der (509) Königische / welcher zwar auch anfänglich glaubete / aber durch die Erfahrung der Sache selbst / die er geglaubet hatte / gar mächtig in seinem Glauben gestärcket ward; Sondern auch die Samariter Joh.4/39 42. welche zwar auch anfänglich glaubeten um des Weibes Rede willen / welches von dem HErrn JEsu zeugete / darnach aber / da sie selbst mit dem HErrn JEsu geredet / frey bekandten / und sprachen zum Weibe: Wir glauben nun fort nicht um deiner Rede willen j wir haben selber gehöret und erkennet / daß dieser ist warlich Christus / der Welt Heyland.
Wann solche Erfahrung einem gläubigen Christen von GOtt geschencket wird /so wird ein ie(510) der in seiner Masse / dem Johanni nachsprechen können 1. Joh. 1/1.2. Das da von Anfang war / das wir gehöret haben / das wir gesehen haben mit unsern Augen / das wir beschauet haben / und unsere Hände betastet haben / vom Wort des Lebens etc. was wir gesehen und gehöret haben / das verkündigen wir euch. Und ie grösser nun das Maaß einer solchen lebendigen Erfahrung ist / ie mehr wird der Mensch in seinem Glauben gestärcket / geläutert und bewähret. Diese Erfahrung hat der Mensch auff dem schmahlen Wege des Himmels / so bald er durch die enge Pforte der Wiedergeburt hindurch gedrungen / und auff den (511) schmalen Steg des Friedens gesetzet ist. Daher denn eben dieselbige Erfahrung nicht allein die Weißheit der Kinder Gottes vermehret / sondern auch ihr Erkäntniß / welches sie von GOtt / von Christo und von ihnen Selbsten haben / von dem Wissen eines natürlichen Men-