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VI. Predigten

sehen sehr weit unterscheidet / ja insgemein einen klaren und deutlichen Gegensatz und Unterscheid machet / zwischen einem rechtschaffenen und Maul-Christen / als deren sich dieser durchaus nicht rühmen kan / weil alle Erfahrung in Göttlichen Dingen das einfältige Auge / eines lebendigen Glaubens erfordert. Und so erstrecket sich dann diese Erfahrung nicht allein auff das Aeusserliche / sondern auch auff (512) das Innerliche. In dem Aeusserlichen erfahret der Mensch die wunderbaren Wege GOttes / wie alles / alles / denen die GOtt lieben / müsse zum besten dienen; 23 Er erfahret die wunderbare Versorgung / Erhaltung und Beschützung Gottes. Lasset ihm GOtt die Seinigen oder seinen eigenen Leib kranck und elend werden / oder in Schmach / Verachtung und Armuth gerathen / so erfahret er in dem allen / wie wohl und väterlich es GOtt mit ihm meyne / und ob es gleich wieder käme / so hat ers schon erfahren / daß er doch endlich und zuletzt / eben deßwegen GOtt werde loben und preisen müssen. Ja er erführet / wie auch alle dasjenige / was ihm GOtt für seiner Be/513/kehrung zugeschicket / zu seinem besten hinaus schlagen müsse / und schliesset dahero also: Hat GOtt zuvor / da ich ohne Glauben / und sein Feind war / alles mir zum besten gerichtet / wie vielmehr wird ers nun thun / da ich sein Freund bin. Ja er schliesset dieses nicht allein / sondern er erfährets auch in der That / daß es also sey: Da erführet der Mensch / daß alle seine Tritte und Schritte von Ewigkeit her von GOtt abgemessen sind / und daß er sich um nichts mehr zu bekümmern habe / als daß er im Glauben / als ein unmündiges Kind / denen alleine weisen und heiligen Führungen seines himmlischen Vaters folgen / und in seiner Ordnung bleiben möge / da erfahret er die wunderbare (514) Oeconomia oder Füh­rung GOttes in seiner Gemeine allhier auff Erden / wie er sich seines Häuffleins so wunderbarlich und wider alle Vernunfft erbarme und annehme / und einen ieden insonderheit durch seine mannigfaltige Weißheit also regiere / daß endlich alles zur Verherrlichung seines Nahmens hinaus schlagen müsse. In dem Innerlichen erführet er von GOtt / von Christo und sich selbst / was er durch die äusserliche Predigt ge­lehret ist. Hat er gelernet / wie GOtt allmächtig / allgegenwärtig / allwissend sey / so wird dieses alles durch eigene Erfahrung in ihm versiegelt / daß er so wenig an GOttes Allmacht / als an seiner Ohnmacht / so wenig an (515) Gottes Allwissenheit als an seiner Unwissenheit etc. zweiffeln kan / und die Allgegenwart Gottes spiegelt sich gleichsam in seinem Hertzen / in dem sein innerster Grund des Hertzens ent­decket und bloß ist für dem Angesicht des HErrn / wie dessen der 139. Psalm ein gar schönes Exempel darleget. Er erführet in der That und Warheit / daß in Christo alle verborgene Schätze der Weißheit und Erkäntniß liegen / Coloss.2/3. und daß die Liebe JESU Christi alles Wissen und alle Erkäntniß weit übertreffe / Eph. 3/19. Er erfährt die Tieffe und den Abgrund des menschlichen Elendes / darein er durch den Sünden- Fall gerathen / und preiset daher desto (516) mehr / beydes die Weißheit und über­schwengliche Barmhertzigkeit GOttes / daß er den Glauben an seinen eingebohrnen Sohn / als das einige Mittel zu der Menschen Seligkeit verordnet hat. Aus diesem Wenigen / welches ohne Zweiffel das Geringste ist / von der wahren Christlichen Erfahrung / so wir nach unserer grossen Unvollkommenheit / davon lallen mögen / ist dennoch leicht zu schliessen / wie gewaltig ein Christ durch solche tägliche / ja stünd­liche und augenblickliche Erfahrung im Glauben / und folglich auch in der Liebe und Hoffnung müsse gestärcket werden. Ein erfahrner Paulus mag wohl sagen zu seinem Timotheo 2. Cap. 3/10.11. (517) Du hast erfahren meine Lehre J meine Weise / meine Meinung / meinen Glauben / meine Langmuth / meine Liebe / meine Gedult / meine