1. Vom rechtschaffenen Wachstum des Glaubens, 1691

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befehlen seinen Kindern und seinem Hause nach ihm / daß sie des HErrn Wege halten / und thun was recht und gut ist. 1. B. Mos. 18/19.

Seelig ist nun der Mensch / der von dem HErrn seinen GOtt / durch die Gnade und Krafft JEsu Christi in seinem Glauben also wohl gegründet / gekräfftiget / gestärcket und vollbereitet wird! Seelig ist der Mann / der allezeit auffsiehet auff JEsum den Anfänger und Vollender des Glaubens 28 und ihn auch als den Anfänger und Vollender seines Glaubens wircklich und in der That erfahret! Seelig ist der Mann / der durch Christum seinen Lauff anhebet / und (530) in seiner Krafft das Kleinod erreichet! Den wollen wir einen warhafftigen Evangelischen Christen nennen / der sich wohl des Glaubens an den HErrn JEsum einig und allein rühmen möge / der nach dieser Richtschnur einher gehet / Friede sey über den und Barmhertzigkeit und über den Israel GOttes . 29

Applicatio.

GEliebte in dem HErrn JEsu / wollen wir nun dieses / was biß anhero von dem Wachsthum des Glaubens ist geredet worden / auff uns ziehen / und einem jeglichen unter uns / insonderheit zu nutze machen / so müssen wir für allen Dingen dreyerley Arten und Classen (531) der Menschen / wohl von einander unterscheiden. Denn erstlich ist der gröste Hauff derer jenigen / welche in fleischlicher Sicherheit dahin gehen an ihrem Glauben und an ihrer Seeligkeit keinen Zweiffel noch Sorge und Bekümmernüß deßwegen haben / ob sie wohl keinen andern Grund ihres Christen­thums haben / als weil sie dabey erzogen sind / von der Christlichen Lehre etwas wissen / die euserliche Weise mit begehen / im übrigen aber um ihren innern Menschen sich wenig bekümmern / und von der Gabe des H. Geistes / von dem wahren lebendi­gen Glauben / von der wahren Krafft JESU Christi / von der Creutzigung ihres Fleisches / von dem Leben (532) des neuen Menschen / etc. nichts erfahren / rühmen sich indessen getauffte Evangelische Christen und der wahren Religion zugethan zu seyn / daher man ihnen die Seeligkeit nicht disputirlich machen könne. Zwar sind auch diese nicht von einerley Beschaffenheit. Denn einige leben in rohen offenbahren Wercken des Fleisches / und daumein gleichsam als die Trunckenen durch die Welt / daß sie selbst nicht wissen / wie sie hindurch kommen / und bekümmern sich weder um GOTT noch um sein Wort. Andere haben nicht einen solchen groben Schein der Boßheit / sondern leben in bürgerlicher Erbarkeit / und euserlicher Gleißnerey / ver- läugnen indessen bey (533) allen ihren Schein / die Krafft eines gottseeligen Wesens 30 und sind wohl mit Hoffarth / Sorgen der Nahrung / Neid und Mißgunst / und andern dergleichen Lastern / die sie an ihnen selbst nicht für sündlich erkennen / ja so schändlich beflecket als jene / mit ihren groben eusserlichen Wercken des Fleisches. Dazu kommet daß diese insgemein die meiste Bitterkeit hegen / gegen diejenigen / welche sich einer wahren und ungefärbten Gottseeligkeit von Hertzen befleissigen / und sie nicht vor fromme Christen und Kinder GOttes erkennen wollen / ruffen und schreyen / alle Gottseeligkeit / die weiter gehet als ihr euserliches Christenthum / aus für Schwermerey (534) und Phantasterey / helffen die lebendigen Glieder am Leibe Christi tapffer verfolgen / und meinen wohl / sie thun GOTT einen Dienst daran. 31 Andere haben noch einen grossem Schein / enthalten sich von vielen euserlichen Wercken des Fleisches / defendiren auch wohl die jenigen / welche sich eines wahren

28 Vgl. Hebr. 12,2*.

29 Gal. 6,16.

30 Vgl. 2. Tim.3,5.

31 Vgl. Joh. 16,2*.