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VI. Predigten

Christenthums mehr als nach gemeiner Art befleissigen / halten sich zu ihnen / daß sie auch wohl von Unverständigen / für gar eifrige Christen möchten angesehen wer­den / absonderlich / da sie wohl viele gottselige Bücher lesen / auch selbst von geist­lichen Dingen viel reden und schwätzen / indessen bleiben sie im Grunde ihres Hertzens unverändert / und (535) thun nicht wahre rechtschaffene Busse / ver- läugnen nicht die Liebe dieser Welt und nehmen das Joch Christi / nemlich sein Creutz nicht auff sich / sondern bereden sich selbst / weil sie sich zu den Frommen halten / und lobens auch / so wären sie schon in einem feinen Zustande. Unter diesen Leuten / mögen sich die einen so wenig als die andern / eines wahren Glaubens und Christenthums rühmen / sondern sie sind alle noch ausser Christo / und sind nicht sein / dieweil sie seinen Geist nicht haben / Rom. 8/9. Sie liegen und ruhen über der Höllen / welche ihren Rachen weit auffgesperret hat / sie zuverschlingen / 32 wenn ihr Bette plötzlich zubrechen und sie hinunter (536) stürtzen wird. Doch möchte ich wohl sagen / daß die Gröbsten und Aergsten / noch in der geringsten Gefahr sind / weil man sie durch ihre Wercke am leichtesten überzeugen kan / daß Christi Blut über sie Rache schreyet / und nichts anders als die Hölle auff ihr ruchloses Leben erfolgen kan / so sie nicht bey zeiten rechtschaffene Früchte der Busse bringen. Ich raffe denen zu mit Paulo Ephes. 5/14. Wache auff der du schiäffest / stehe auff von den Todten / so wird dich Christus erleuchten. Den andern aber sage ich aus den Worten des Heylandes Matth.21/31. Warlich ich sage euch / die Zöllner und Sünder mögen wohl ehe ins Him(537)melreich kommen / denn ihr. Die Letzten aber mögen wohl bedencken / was in der Offenb. Joh.3/15.16. von ihrer Art gesaget wird: Ich weiß deine Wercke / daß du weder kalt noch warm bist j ach daß du kalt oder warm wärest / weil du aber lau bist J will ich dich ausspeyen aus meinem Munde. Ich gebe ihnen wohl nach / daß sie nicht aus falschen Hertzen das Gute defendiren / sondern von der Warheit genug überzeuget sind / aber das mag ihnen nicht helffen / wenn sie nicht selbst dran wollen / ihr Sünden-Elend recht zuerkennen / und in wahrer Busse und Verläugnung der Liebe dieser Welt / zu Christo selbst kommen / und sich (538) eines rechtschaffenen Wesens / das in JEsu ist / 33 nicht befleissigen wollen. Das Urtheil ist schon gespro­chen / daß sie doppelte Streiche leiden sollen / weil sie des HErrn Willen wissen / und haben sich nicht bereitet / und darnach gethan Luc. 12/47. Und daß sie GOtt um des willen ärger halte / als wenn sie gar kalt wären / ja eben um des willen / weil sie so lau sind ausspeyen wolle aus seinem Munde. Was solte wohl denen bessers können ge- rathen werden / als was in angeführten Ort Offenb. Joh.3/18. Dabey stehet: Ich rathe dir / daß du Gold von mir kauffest das mit Feuer durchläutert ist (nemlich das durchläuterte Gold eines wahren leben/539/digen Glaubens / welches im Schmeltz- Ofen eines zerschlagenen und zerknirschten Hertzens / von seinen Schlacken ge- reiniget / und durchs Creutz geprüffet und bewähret ist) weisse Kleider / daß du dich anthust (daß du nicht in deinen alten adamischen Rock / dich der Gnade GOttes rühmest / sondern den alten Menschen mit allen seinen Wercken ausziehest / und den Neuen / ja JEsum Christum Selbsten / anziehest / 34 und in dem unbefleckten Kleide seiner Unschuld und Gerechtigkeit / für dem himmlischen Vater tretest / und solches nicht wieder mit der Liebe dieser Welt befleckest /) und salbest deine Augen mit Augen-Salbe / das ist / GOtt bittest (540) um die wahre Erleuchtung seines heili­gen Geistes / die Kranckheit und Todes-Gefahr deiner Seelen zuerkennen / samt dem grossen Unterschiede dessen der GOtt dienet / und der ihm nicht dienet / damit

32 Vgl. Jes.5,14*.

33 Vgl. Eph.4,21.

34 Vgl. Kol.3,9f*