1. Vom rechtschaffenen Wachstum des Glaubens, 1691

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du dich, nicht mehr ohne Ursach rühmest: Ich bin reich und habe gar satt und bedarff nichts ; 3S Sondern gleich dem Königischen mit beängsteten Hertzen lernest zu Christo fliehen / und einen tieffen und guten Grund des Glaubens zulegen. Das mögen aber diese insgesamt wissen / wie unterschieden sie gleich von einander zu seyn scheinen / daß sie dennoch alle unter eine Classe gehören / nemlich derer die keinen Glauben haben / ausser Christo und (541) seiner Gnade / und unter dem Zorn und Fluch GOttes sind / so lange biß sie durch wahre Busse in einen gantz andern Zustand ge- setzet werden.

Die andere Art und Classe der Menschen ist derjenigen / deren von Natur stein­harte Hertzen / durch den Hammer des Göttlichen Wortes gerühret und erweichet sind / daß sie die Krallt des Gesetzes fühlen und empfinden / und in dem Spiegel der Gebote GOttes ihre Sünden-Flecken und den tieffen Abgrund ihres Elendes wohl erkennen / von Hertzen dafür erschrecken / auch ein Verlangen / welches GOtt in ihnen gewircket / vermercken / nach der Richtschnur des geoffenbarten göttlichen Willens einher zu gehen / (542) und durch solches Verlangen in ein Kämpffen und Ringen gesetzet werden; weil sie an einer Seiten des göttlichen Willens überzeuget sind aus dem Gesetz / an der andern Seiten ein ander Gesetz in ihren Gliedern finden / 36 nemlich die Trägheit und Schwachheit des Fleisches / und keine Krafft für sich sehen / dadurch sie gewinnen / und den Sieg behalten könten; absonderlich / da die lange Gewonheit zu sündigen bereits darzu gekommen / daß es ihnen un­möglich scheinet / daß solche alte und stinckende Wunden solten geheilet werden / und da sich bereits alle Sinnen und Kräffte gewehnet an den Creaturen zu kleben / in Fleisches-Lust / Augen-Lust und hoffärtigen Leben / (543) daß dieselbigen nun der göttlichen Natur theilhafftig werden / 37 und allein nach dem / was ewig / himmlisch und geistlich ist / ihre Begierden und Verlangen auffschwingen sollen; Es lehret sie die Erfahrung / daß / wenn sie gleich in diesem und jenem einen guten Vorsatz ge­nommen / daß sie doch gleich wieder über einen Hauffen liegen / und wohl ärger als vorhin in der Sünde stecken; daher denn tägliche Angst / Unruhe / Mißtrauen / Sorge / Zweiffel / bey solchen Menschen entstehet; und ist fast ihr Christenthum nicht anders / als ein Klagen über menschliche Schwachheit / wissen nichts von einer warhafften Ruhe der Seelen und Befriedigung des Gewissens / noch (544) von der beywohnenden Krafft Christi / noch von dem Reiche GOttes / welches ist Gerechtigkeit / Friede und Freude in dem Heiligen Geist / 38 noch von einem rechtschaffenen Wachsthum und Fortgange in dem Wege des Lebens. Diese sind zwar von der vorigen Classe und Art sehr weit unterschieden. Denn jene sind noch schlechter Dinges unbußfertige und unbekehrte Menschen / bey diesen aber beginnet der Glaube bereits gegründet zu werden / ihr Hertz ist allerdings schon von GOtt gerühret / und ihre Augen sind ihnen in so weit geöffnet / daß sie ihr Elend nun viel tieffer sehen und erkennen / als sie vorhin thun können; Ihr Wille ist gebeuget und gelencket / daß sie ei/ 545)ne warhafftige Lust bey sich spühren zu dem Gesetze Gottes / ob sie wohl die Krafft nicht befinden / solchen Willen ins Werck zu setzen; und mögen wohl verglichen werden mit dem Königischen / der die Kranckheit seines Sohnes ohne Schmertzen nicht an- sehen kunte / und deßwegen hertzlich verlangete / daß seinem Sohne geholffen wer­den möchte / er fand aber in seinem Hause keine Artzeney / die ihm hätte helffen können. Diejenigen / welche in solchem Zustande stehen / (wie denn dieses der ordent-

35 Offb.3,17.

38 Vgl. Rom. 7,23*.

37 Vgl. 2. Petr. 1,4*.

38 Röm. 14,17*.

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