1. Vom rechtschaffenen Wachstum des Glaubens, 1691
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sie es wohl an ihnen selbst nicht erkennen / sondern sich vielmehr immer für sünd- licher und elender halten; Sie klagens / aber Menschen können sie nicht trösten; man tröstet sie / aber sie werden nicht erqvicket; sie beten Tag und Nacht / aber werden nicht gewahr / daß sie erhöret werden. Und dieser Zustand ist hey einem Menschen in grösserer Maaß / als bey dem andern. Aber gewiß ist es / daß / ie grösser ihnen das Maaß der Thränen von dem HErrn zugemessen wird / ie herrlicher und tieffer wird von ihnen der Grund eines wahren lebendigen Glaubens geleget. Nur ist ihnen zu rathen / daß sie mittler weile es machen wie die Maria in der Kindheit des HErrn JEsu / (552) welche alle Worte / die von dem HErrn JEsu gesaget waren / in ihrem Hertzen bewahrete: 45 Also mögen sie auch nur allen Trost / der aus der Gnade und Liebe JEsu Christi fleust / in ihren Hertzen bewahren / und mögen wohl versichert seyn / daß schon die Zeit kommen werde / daß sie es selbst alles in der That so erfahren werden. Mittler weile mögen sie mit dem gefangenen Zion ihren Psalm seyn lassen den 126. Wenn der HErr etc. Nichts aber ist ihnen in solchem Zustande besser / als daß sie auf JEsum den Gecreutzigten / beständig ihre Augen richten / gleich wie die von den gifftigen Schlangen gebissene Israeliten / auff das von Mose auffgerich- tete eherne Schlänglein. 46 Denn (553) in ihnen selbst werden sie nichts anders finden / als Qvaal und Unruhe und eine stätige Hölle; Aber in JEsu muß ihr Angesicht wiederum frölich werden / und je mehr und fleissiger sie ihr Hertz zu seiner Liebe reitzen werden / jemehr wird sich die Bitterkeit ihres Hertzens / in eine Süssigkeit und der Zwang des Gesetzes in einen freywilligen Geist verwandeln. Endlich aber müssen sie GOtt die Ehre geben / und sich nur unter seine gewaltige Hand demüthigen / der allein ihnen helffen kan / und sie schon zu seiner Zeit erqvicken wird / und indessen nur nicht zweiffeln / wo sie nur anders rechten Ernst thun werden / den HErrn zusuchen / ihre Seeligkeit ihnen niemand rau/554Jben wird / denn die den HErrn suchen / denen wird das Hertze leben Psalm.69/v. 34. 47
Die dritte Classe und Art der Menschen sind die jenigen / welche nicht allein von dem Gesetze GOttes ihrer Sünde wegen gestraffet / sondern auch der Gnade JEsu Christi in einen wahren und lebendigen Glauben also theilhafftig worden sind / daß sie den himmlischen Trost und die Vergebung der Sünden in ihrem Hertzen empfinden / und denen der H. Geist Zeugnüß giebet / daß sie GOttes Kinder sind / welche das Gesetz des Geistes / das da lebendig machet in Christo JEsu j frey gemachet von dem Gesetz der Sünden (555) und des Todes Rom. 8/2. Die Krafft JESU Christi schmücken und empfinden / daß sie alles vermögen durch den der sie kräfftig machet Christum Phil. 4/13. Daß / der in ihnen stärcker sey als der in der Welt ist. 1. Joh.4/4. Daß sie den Bösewicht überwunden haben 1. Joh. 11/13. Und daß ihr Glaube der Sieg sey / der die Welt überwunden hat / 1. Joh. 5/4. Diese sind es / deren Glaube nicht allein wohl gegründet / sondern auch gekräfftiget ist / daß sie dem Wort geglaubet / daß JESUS ihnen ins Hertze gesprochen: Deine Seele lebet / und daher in einer wahren Krafft desselbigen Glaubens dahin ge/556/hen / zu freudiger Ausübung der Liebe gegen GOtt und ihrem Nächsten. Diese zwar bedürffen nicht so sehr als die vorigen / Rath und Unterricht / weil die Liebe GOttes ausgegossen ist in ihr Hertz durch den H. Geist / welcher ihnen gegeben ist Rom. 5/5. welcher sie in alle Warheit leitet / zu allen guten treibet / und sie in aller Noth / gar kräfftiglich tröstet: Jedennoch lehret es die man- nichfaltige Erfahrung / daß das menschliche Verderben und Elend so gar groß sey / daß auch dieselbigen wohl gutes Gewissen von sich stossen / und am Glauben Schiffbruch
46 Vgl. Luk. 2,19.51*.
46 Vgl. 4. Mose 21,9.
47 Ps.69,33.