2. Kinder Gottes und Kinder der Welt, 1695
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so wird ers mit ihnen verderben / und muß ihr Liedlein seyn. Was denn nun vor Rath? Antwort: Solus cum Solo, 3 das ist / man sehe nur / daß man mit GOtt recht stehe / und bekümmere sich nicht darumb / was andere Menschen von unserm Thun halten oder urtheilen. Gibt uns unser Gewissen Zeugniß / daß wir dem HErrn Wohlgefallen / und nach der Lauterkeit des wahrhafftigen Wesens / das da ist in Christo JEsu / unsern Wandel vor ihm führen / so sol uns genügen. Inmittelst mag doch wol denen Kindern GOttes einige Anleitung gegeben werden / wie sie gegen die / so da draussen sind / wandeln sollen / wie wir denn aus der Epistel an die Colosser sehen / daß der Apostel / nachdem er die Colosser insgemein zur Erneuerung nach dem göttlichen Ebenbilde ermahnet hatte / und einen jeden Stand ins besondere seiner Pflicht erinnert / noch zuletzt zu dieser Weißheit / als woran Kindern GOttes viel gelegen ist / und wodurch / wenn sie mit wahrer Gottseligkeit verknüpffet ist / viel Erbauung geschaffet werden kan / also vermahnet: Wandelt weißlich gegen die draussen sind / und schicket euch in die Zeit. Eure Rede sey allezeit lieblich und mit Saltz gewürtzet / daß ihr wisset / wie ihr einem jeglichen antivorten sollet , 4 Weil denn nun unser Heiland selbst in unserm jetzigen Text uns zum Exempel eines weißlichen Wandels und Umbganges mit den Kindern dieser Welt vorgestellet wird / so wollen wir denn auff dasselbe auch ietzo unsere Betrachtung richten / und demnach mit einander handeln
Von dem äusserlichen Umbgang der Kinder GOttes mit den Kindern dieser Welt.
(232) GEtreuer / lieber Heiland / JEsu Christe / sende du die wahre Weißheit durch deinen heiligen Geist in unsere Hertzen / auff daß wir mögen also hiervon handeln / daß es zur wahren Erbauung unserer Seelen und zur Förderung des Lauffs deines Wortes unter uns ausschlagen und gereichen möge / und solches umb deiner unendlichen Liebe willen! Amen! Amen!
DA wir denn nun / Geliebte in dem HErrn JEsu / vor dieses mal von dem äusserlichen Umbgange der Kinder GOttes mit den Kindern dieser Welt zu handeln haben / so möchten vielleicht einige gedencken / daß es eine unnöthige Sache sey unter Christen davon reden wollen. Denn wer ist wol unter denen / die sich Christen nennen / der sich vor ein Welt-Kind halten wolle? Jedermann pfleget ja darüber zu klagen / daß die Welt sehr böse sey / und wo es also auff ein eigen Geständniß ankäme / würde fast kein Welt-Kind / sondern lauter Kinder GOttes zufinden seyn. Wie denn dieses gewiß eine der wichtigsten Ursachen ist / warumb GOttes Wort bey so vielen nicht anschläget / dieweil sie voraus setzen / daß sie Kinder GOttes seyn / und also der Bekehrung nicht bedürffen. Es kömmt aber nicht an auff die gute Meynung / die jeglicher von seinem Zustande sich machet / sondern auff die Wahrheit j nach welcher allerdings ein Unterscheid auch unter denen / die Christen heissen / gemacht werden muß. So lehret unser Evangelischer Text / wie unter dem Jüdischen Volck/ welches ja unstreitig GOttes Volck war / sich gleichfals dieser Unterscheid gefunden habe. Da war JEsus unser Heiland / da waren seine Jünger / die ihm nachfolgeten / da waren die Pharisäer und Schrifftgelehrten / da waren die Zöllner und Sünder. Christus und seine Jünger gehöreten zusammen / die Zöllner und Sünder naheten sich zu ihnen / und Christus aß und tranck mit ihnen; die Pharisäer waren zwar auch mit zugegen / aber sie murreten darüber: also / obgleich diese alle sich zu der Jüdischen Religion hielten / und sich zum Volcke GOttes bekenneten / so war doch zwischen ihnen ein so grosser Unterscheid / als zwischen Tag und Nacht / wie zwischen Licht
3 „allein mit dem alleinigen [Gott]“: Grundgedanke der Mystik; vgl. M. Molinos, Manuduc- tio spiritualis, 1687, S. 314 (III. Buch, Kap. VIII).
4 Kol. 4,5 f.
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