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VI. Predigten

und Finsterniß. Solcher Unterscheid aber war / ehe Johannes der (233) Täuffer herfür trat / nicht eben so bekand. Da warens alle gute Jüden und rechtschaffene Israeliten; aber da Johannes mit seiner Buß-Predigt darunter kam / da muste sichs scheiden/da hieß es: Alles Volck gieng zu ihm und bekannte seine Sünden / und ließ sich täuffen von Johanne / aber die Pharisäer verachteten den Rath GOttes wider sich selbst / und Hessen sich nicht täuffenJ Das machte unter denen / die doch alle das Volck GOTTes heissen wolten / eine Trennung und Scheidung. Also da unser Heiland / JEsus Christus / solche Predigt der Busse und des Evangelii fortsetzete / so ward solcher Unterscheid noch mehr offenbar / indem es einige mit ihm hielten / und seiner Lehre gehorsam wurden / andere aber ihn für einen Verführer hielten und widerstrebeten. So gehets nun noch allezeit. Wo das Wort GOttes in Beweisung des Geistes und der Krafft gelehret und geprediget wird / da machet es einen Unterscheid unter dem Volck. So lange man nach der alten Weyse hinleyret / und den Leuten hofieret / sie alle liebe Kinder GOttes und liebe Mitchristen nennet / so lange sind sie alle gute Christen in einer Stadt / in einer Gemeinde / und wo es sonsten ist: aber so bald GOttes Wort mit Ernst geprediget wird / da scheidet sich Licht und Finsterniß / indem einige das Wort der Busse annehmen / andere aber dasselbe verspotten / ver­lachen / verachten und verketzern. Und auff solche Weyse müssen vieler Hertzen Gedancken offenbar werden / wie Simeon zu Maria sagte Luc. 11,35. So lange nun einer nicht erkennet / was zwischen den Kindern GOttes und den Kindern dieser Welt vor ein Unterscheid sey / so ist er selbst noch ein Welt-Kind / sintemal diese und jene als Himmel und Erden von einander unterschieden sind / auch unmöglich ist / daß ein Mensch solte den Geist GOttes in seinem Hertzen wohnend haben / und doch an solchem Unterscheid blind seyn. Denn ein solcher aus eigener Erfahrung weiß / was das vor eine grosse Veränderung sey / aus einem Kinde dieser Welt ein Kind GOttes werden / und gebildet zu werden zu einer neuen Creatur in Christo JEsu. Die Welt aber hält alles gleich und spricht: Wir sind doch allzumal Sünder und mangeln des Ruhms / den wir an GOtt haben sollen . 6 7 Damit tröstet sie sich biß in die Hölle hinein / indem sie sich nicht anders bedeuten lassen wil.

Es entstehet aber dieser Unterscheid zwischen den Kindern GOttes und den Kin- dern dieser Welt eigentlich daher / weil in jenen das (234) Reich Gotte% / in diesen aber das Reich des Satans zu finden ist. Und daher kömmts nun / daß ein Kind Gottes mit den Kindern dieser Welt keine wahre Gemeinschafft haben kan / so viel nemlich den innerlichen Grund des Hertzens und die Sünden und Laster / in welchen die Welt lebet / betrifft. Daher auch Paulus Eph. V.ll. saget: Habet keine Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Wercken der Finsterniß / straffet sie aber vielmehr. Wer sich nun einen Christen nennet / und doch nach Reichthum / Ehr und Wohllust strebet / und also Augenlust-Lust / Fleisches-Lust und hoffärtiges Wesen sein tichten und trachten seyn lässet / ein solcher ist von einem Kinde dieser Welt nichts unterschieden / ja ist ärger als ein Heyde / darumb / daß ihm das Evangelium vorgehalten wird / und er doch durch das Evangelium oder durch die heilsame Gnade Gottes / so darinn ver­kündiget wird / sich nicht züchtigen lässet / zu verleugnen das ungöttliche Wesen / und die weltlichen Lüste j und züchtig / gerecht und gottselig zu leben in dieser Welt. 7 So auch / was die äusserlichen Wercke betrifft / wenn sich iemand einen Christen nennet / und doch seinen Zorn auslässet / in Hoffart / banquetiren / fressen und sauffen / und andern dergleichen Sünden sich finden lässet / so kan man gewiß daraus schliessen /

6 Luk.7,29f* «Vgl. Rom. 3,23.

7 Tit.2,llf.*