2. Kinder Gottes und Kinder der Welt, 1695

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daß derselbige im Grunde nichts tauge / und daß sein Ruhm vom Christenthum Einbildung und pur lautere Heucheley sey / welches umb deswillen gesaget wird / dieweil heutiges Tages ein solch allamodisches Christenthum aufkommen wil / da man meynet / es sey am äusserlichen eben nicht gelegen / man könne sich wol in diesem oder jenem der Welt gleich stellen / GOtt der HErr sehe das Hertz nur an / und so weiter. Unter welchem Vorwand viele auf einen solchen Irrwege gerathen / darauf ihnen fast nicht geholffen werden mag. Daher das allerbeste und sicherste ist / daß sich keiner einen Christen nenne / der sich innerlich und äusserlich nicht auch Christ­lich und rechtschaffen beweiset. Wohl dem / der zu solcher Einfalt sich führen lässet! der wird vor der Fre yheit und Sicherheit des Fleisches wohl bewahret bleiben / da hingegen wenn der Mensch durch solche Schlangen-List sich lässet bethören / daß er gedencket / er wolle innerlich den Grund des Hertzens schon unverletzt bewahren / ob er sich gleich der Welt äusserlich gleich stelle / so thut man in der That nichts anders / als daß man wil zweyen Herren dienen / 8 Gott und der Welt / (235) welches nimmermehr und in Ewigkeit nicht angehet. Und das ist eben der Welt ihre ver- meynte Prudentia Christiana, oder Christliche Klugheit / die sie vorwendet / daß sie immer Licht und Finsterniß gern mit einander vereinigen wil; man sol weder kalt noch warm seyn / man sol es mit diesen halten / und mit jenen auch nicht verderben / und da wird nimmer nichts aus / wo man nicht mit den Heuchlern in den Pfuel ge- worffen werden wil. Also muß denn ein Christ weder im äusserlichen noch innerlichen / so viel nemlich das sündliche Wesen betrifft / mit der Welt Gemeinschaflft haben. Das sehen wir auch aus unserm Evangelio gantz deutlich; ob gleich unser lieber Heiland mitten unter den bösesten Leuten war / nicht unter den Zöllnern und Sün­dern allein (welche etwa mochten bußfertig und begierig seyn sein Wort zu hören) sondern auch unter den Pharisäern und Schrifftgelehrten als abgesagten Feinden der Wahrheit / so behielt Er sich doch unbefleckt von ihnen; Er hatte keine Gemein­schaflft mit den Sünden der Zöllner / auch keine Gemeinschaflft mit den Sünden der Pharisäer. Und das ist auch die Art der Kinder GOTTes in dem Umbgange mit der Welt / daß sie sich unbefleckt von derselben behalten / welches Jacobus den reinen und unbefleckten Gottesdienst 9 nennet / welches denn allerdings zum Grunde zu setzen ist / da man von dem äusserlichen Umbgange der Kinder Gottes mit den Kindern dieser Welt zu reden hat.

Davon haben wir nun ferner zu mercken / daß derselbe an sich selbst von Kindern GOTTes nicht vermieden werden könne / noch solle. Gar wohl hat uns Paulus diß gelehret in dem V. Capitel der I. an die Corinthier / v. 10. da er spricht: Daß wir die Welt räumen mästen / so wir allen Umbgang mit den Bösen vermeiden wolten. Ich sage aber / so auch eine Möglichkeit wäre / allen Umbgang mit den Bösen zu ver­meiden / daß es doch der Liebe nicht gemäß und folglich unerlaubet sey. Denn es müssen wahre Christen seyn als die Lichter in der Welt / wie unser Heiland redet. Man setzet aber ein Licht nicht unter den Scheffel / sondern man setzet es auf einen Leuchter / daß es allen leuchte / die im Hause sind. Also j spricht abermal unser Hei­land / Lasset euer Licht leuchten vor den Leuten / daß sie eure gute Wercke sehen j (236) und euren Vater im Himmel preisen. 10 Nun das zeiget uns auch unser Heiland mit seinem Exempel / als welcher sich nicht entzogen hat umbzugehen mit den Zöll­nern und Sündern / auch mit seinen ärgsten Feinden / denen Pharisäern und Schrifftgelehrten. So hat auch ein ieglich Kind GOttes wohl zu erwägen / daß seiner

8 Matth. 6,24*.

9 Jak. 1,27*.

10 Matth.5,14ff*