VI. Predigten
armen Seelen gleichwol gerathen worden / daß sich andere / da er noch in der Welt gestecket / seiner angenommen / Ihm Busse geprediget / Ihn gewarnet / von bösen abgeführet / und mit ihrem guten Exempel ihn gereitzet haben / daher sie denn an andern / nach der Gnade und Gelegenheit / die ihnen der HErr darzu darreichet / gleiche Liebe zu beweisen haben.
Hierinn aber soll das Exempel unsers Heilandes JEsu Christi unsere Norm, Regul und Richtschnur seyn / wie denn sein Leben und Wandel uns so beschrieben ist / daß er mit den armen Sündern umbgegangen / und dieselben zu sich gezogen hat; hieraus / sage ich / müssen wir lernen / wie wir solchen Umbgang führen sollen. Denn in diesem Spiegel mögen wir erkennen / in welcher Geduld / Langmüthigkeit / De- muth / Weißheit und Furcht GOttes solcher Umbgang mit den Kindern dieser Welt müsse gepflogen werden. Und weil unser meistes Leben doch im Umbgang mit andern geführet werden muß / so solten wir desto fleissiger in dem Leben unsers Heilandes uns auch beschauen / auf alle seine Tritte und Schritte genau acht geben / und unsern Wandel darnach anstellen. Ach wohl uns / wenn wir das Exempel / die Worte und Wercke unsers Heilandes in rechtem Werth halten / und uns zur wahren Nachfolge dienen lassen! Es solte gewiß kein einiges Wörtlein seyn / welches Christus ausgesprochen / so uns nicht ein edles Kleinod wäre / kein eintziges Werck / welches unser Heiland gethan / solte seyn / darauf wir nicht genau acht hätten / Summa: Die Nachfolge des HErrn JEsu / worzu Er insonderheit den Matthaeum aufforderte / n sol die Haupt-Sache seyn / die wir uns im Umbgang mit den Kindern dieser Welt sollen lassen angelegen seyn / so / daß sie ein Muster der wahren Demuth / der wahren Sanfftmuth / der wahren Langmuth und Geduld an uns haben mögen.
Hingegen hat man sich allen Fleisses in acht zu nehmen / daß man den Kindern dieser Welt nicht Gelegenheit gebe / den Namen des HErrn (237) zu verlästern; welches umb so viel nöthiger ist / weil die Welt voller Augen ist / und an niemand weniger etwas tragen kan als an Kindern GOttes. Sie kan an ihres gleichen alles übersehen / alles verschlucken und verdauen / und ärgert sich an nichts; aber wenn sie an einem Kinde GOttes auch nur einen geringen Fehler siehet / da weiß sie bald auffzufahren und zu sagen: sihe j das thut der und der / und wil doch fromm seyn; da gehets denn an ein Splitterrichten / worüber zwar die Welt ihr Urtheil empfangen wird / indessen aber haben die jenigen / die die Wahrheit in CHristo erkannt haben / desto mehr Ursache / acht auff sich zu haben / daß sie der Welt dazu keine Gelegenheit geben mögen / sintemal GOtt der HErr an seinem Volck nichts härter gestraffet hat / als wenn durch ihren Wandel sein heiliger Name ist gelästert und verunehret worden / darumb sollen sie fleißig acht auff sich haben / und sehen / daß alle ihre Worte / Wercke und Geberden / und was sie vornehmen / also mögen beschaffen seyn / wie sichs ziemet vor den Augen dessen / der alles höret und siehet / und demnach nicht sowol auff die Menschen sehen / denen sie es wol nimmer recht machen werden / sondern dahin trachten / daß nur ihr Gewissen vor GOtt unverletzt bewahret werde / und sie in der Liebe gegen denselben und ihren Nächsten wandeln mögen.
Diese Erinnerung ist hoch von nöthen / weil sichs vielfältig findet / daß die jenigen/ die den Namen haben wollen / daß sie mit Ernst GOtt suchen / durch ihren freyen / unvorsichtigen und unordentlichen Wandel ein solch Aergerniß und Übel anrichten / daß die gantze Stadt / ja das gantze Land davon zu sagen weiß. Ach! wie wollen sie ihrem armen Gewissen rathen / wenn sie von demselben disfals angeklaget werden? Es ist ein hartes Wort / das unser Heiland gesaget hat: wehe dem Menschen / durch
11 Vgl. Matth. 9,9.