2. Kinder Gottes und Kinder der Welt, 1695
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welchen Aergerniß kömmt! Es wäre ihm besser / daß ein Mühlstein an seinen Halß gehänget würde / und ersäuffet würde im Meer / da es am tieffesten ist. Wehe der Welt der Aergerniß halben! Es muß ja Aergerniß kommen / doch wehe dem Menschen / durch welchen Aergerniß kommet! 12 Denn durch Aergerniß werden aus einer Sünde wol hundert ja tausend andere geboren / deren Verantwortung dem jenigen auff den Hals fällt / der das Aergerniß zu erst gegeben hat. Darumb muß / wie gesagt / die Nachfolge unsers HErrn JEsu CHristi im äusserlichen Umbgang mit der Welt allewege zum Grunde liegen. Gesetzt auch / daß einer in diesen und jenen an sich . (238) selbst unsündlichen Dingen einige Freyheit bey der Welt gebrauchen könte / j so hat er doch Ursach eingedenck zu seyn der Rede des Apostels: Ich habe es wol i alles Macht / aber es frommet nicht alles. 13 Mancher meynet: Ey die und die Sache ■ stehet dir jajfrey zu thun / und ehe ers sich versiehet / so giebet er darunter seinen eigenen Lüsten Raum zur Sünde / und / in dem er seiner vermeynten Freyheit brauchen wil / wird er ein Knecht der Sünden. Wohl dem Menschen / der sein Hertz in einer wahren Furcht GOttes allezeit bewahret / und in allem seinem Umbgang dahin siehet / daß er lieber zu wenig als zu viel thun möge! Siehet man doch / daß die Natur selbst uns solches lehret. Denn / wenn irgend einer am Wasser gehet / so nimmt er seinen Weg nicht so / daß kaum ein Fußbreit zwischen ihm und dem Wasser übrig bleibe; thäte es einer / würde ein jeder sagen / daß er sich muthwillig in Gefahr begeben hätte. So verhält sichs auch hier. Man sol nicht alles thun / was man noch einigermassen / doch nicht ohne Gefahr / thun kan / nicht sagen: Ey / der liebe GOtt könne das wol leiden: das könne man schon in der Freyheit oder im Glauben thun. Lieber es umbgekehrt und gesaget: ich kan es auch wolTassen / es ist eben keine Nothwendigkeit / daß ich es thue. Gewiß würde dadurch mehr an uns und andern erbauet werden / als durch die unziemende Freyheit / der sich etliche anmassen / die den Namen haben wollen / daß sie die Wahrheit erkennet hätten.
Wir sehen aber auch dieses aus dem Evangelio / wie man in dem äusserlichen Umbgang mit andern ja keinen Menschen verachten solle. Das lehret uns unser Heiland / der auch hierinnen bewiesen / daß er von Hertzen demüthig wäre nach Matth. XI,29. Er war mitten unter der Gesellschafft der Zöllner und Sünder / der Pharisäer und Schrifftgelehrten / und er war doch der HErr der Herrlichkeit / unbefleckt / untadelich / heilig und ohn alle Sünde. Er verachtete keinen unter ihnen / sondern seyn Hertz war in der allerniedrigsten und kindlichsten Demuth. Fraget sich / wie mögen wir ihm darinnen nachfolgen? Man möchte dencken: wenn gleichwol der Mensch weiß / daß er ein Kind GOttes ist / und die übrigen / unter welchen er ist / sind Kinder der Welt / sol er sich denn etwa aus Demuth vor ein Kind der Welt / und die Kinder der Welt für Kinder GOttes halten? Antwort: Nein: Demuth und Wahrheit können wol beysammen stehen / der Mensch darff umb deßwillen keinesweges die Gnade GOttes / die ihm wiederfahren / verleugnen / (239) noch weiß schwartz und schwartz weiß nennen / sondern Wahrheit bleibet an sich Wahrheit. Man kan einen Menschen / der da in wissentlichen und vorsetzlichen Sünden lebet / unmüglich vor ein Kind GOttes halten; so kan auch einer / der in der Gnade GOttes stehet / keinesweges sagen / daß er GOtt nicht kenne / denn daran würde er lügen. * 11 Worinn sol denn die Demuth geübet werden? Antwort: darinn / daß der Mensch / so er etwas gutes an sich erkennet / solches pur und lauterlich der Gnade GOttes zuschreibe / und / so er etwas böses an andern Menschen gewahr wird / nicht meynen / daß er aus sich / oder
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12 Matth. 18,6f* 18 1. Kor. 6,12*.
11 Job. 8,55*.