300

VI. Predigten

nach seinem natürlichen Zustande besser sey. Denn so etwas an ihm ist / das besser ist / so ist das von der Barmhertzigkeit Gottes. Wäre er ohne dieselbe / so wäre er im geringsten nicht besser als der andere. Last uns also gedencken / wenn wir etwa sehen / daß ein Dieb gehangen wird / daß irgend einer ausgestrichen wird / oder wegen anderer Ubelthaten diese und jene gestraffet werden. Sey ja niemand dabey stoltz in seinem Hertzen. Wisse / daß kein Laster so groß / so schrecklich und greulich ist / darinnen du dich nicht wältzen würdest / wenn dich GOttes Barmhertzigkeit nicht davon hätte zurücke gehalten. Wären wir nicht alle von Natur Mörder / Ehebrecher / Diebe / falsche Zeugen / u.s.f. so hätte GOtt nicht sagen dürffen: Du solt nicht tödten / du solt nicht ehebrechen / du solt nicht stehlen u.s.f. Zu einem ehrlichen Mann pflegt man nicht so zu sagen / daß er diß und das nicht mit wegnehmen sol / aber wol zu einem solchen / auff welchen man einen Verdacht hat / oder dem man nichts gutes zutrauet. Und also hat GOtt wol gesehen / daß der Schlangen Saamen und die Wurtzel alles Übels / aller Schande und Laster in unseren Hertzen stecke / darumb sagt er zu einem jeglichen: Du solt nicht tödten / du solt nicht ehebrechen / u.s.f. 16 Dessen muß man nun fein eingedenck bleiben. Denn die Erkänntniß der Gnaden GOttes und seines eigenen Elendes giebet die Wahre Demuth in die Seele. Je mehr GOttes Gnade erkannt wird von dem Menschen / und jemehr er sein eigenes Elend erkennet / je demüthiger und liebreicher ist er gegen jedermann. Denn die Demuth ist mit Liebe verknüpffet / mit welcher keines Menschen Verachtung bestehen kan. Zwar ist dieses die gewöhnliche Klage der Welt gegen die jenigen / die sich eines ernstlichen Christenthums befleißigen und nicht wollen ins wüste und unordige Wesen mit lauffen / daß sie andere Menschen neben sich verachteten. Aber eben damit geben die Kinder dieser Welt (240) zu erkennen ihren hoflartigen Sinn / nach welchem sie gerne wollen geehret seyn / und von keiner Verachtung wissen. Daher man dieselbe nicht zu hören hat / sondern vielmehr solchen Vorwurff sich dazu dienen lassen muß / daß man GOtt anruffe / daß er einen gnädiglich für anderer Verachtung behüten wolle. Inzwischen darff man umb deßwillen sich der Welt nicht gleich stel­len / noch die Gnade / so man von GOtt hat / verleugnen; wiederumb aber dieselbe auch nicht ihm selbst zuschreiben / sondern dem / dessen solche Gnade ist.

Mit dieser Demuth kan nun auch wol bestehen / daß man einigen Unterscheid mache unter denen / mit welchen man umbgehen kan. Denn unter den Kindern dieser Welt ein mercklicher Unterscheid sich findet. Also finden sich solche / welchen die Wahrheit noch nicht so klar bezeuget ist / und daher in Sünden und Lastern wan- X dein / darinnen sie freylich das Reich GOttes nicht ererben können / die sich aber wol eines bessern besinnen / wenn ihnen die Gefahr ihrer Seelen vorgestellet wird. Wie­derumb sind auch solche / welchen die Wahrheit bezeugt ist / und dessen ungeachtet doch in Sünden wider das Gewissen leben / und noch dazu die Wahrheit bestreiten und andere davon abhalten. Zwischen diesen ist also ein grosser Unterscheid. Mit der ersten Art hat man freylich Ursach in hertzlicher Liebe umbzugehen / und mit ihnen Mitleiden zu haben. Denn solche kehren offt plötzlich umb / nehmen das Wort der Wahrheit / da es verkündiget wird / mit Freuden an / und lassen es zur Busse und Bekehrung an sich kräfftig werden / wie solches zu sehen ist an denen Zöllnern und Sündern / die auch in grossen Sünden lebeten / aber / da unser Heiland mit aller Freundlichkeit / Liebe und Holdseligkeit ihnen den Weg der Wahrheit wiese / sich besserten. Darinn sollen wir nun unserm Heilande folgen / und / wenn wir sehen / daß unser Nächster in Unwissenheit und Irrthum ist / sollen wir solchen Irrthum mit

16 2. Mose 20,13 ff.