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VI. Predigten
JEsu / auff ein rechtschaffenes Wesen und innerliche Heiligung dringen / und nach der heil. Schriflft einen solchen Glauben / der durch die Liebe thätig ist / und uns zu neuen Creaturen machet / erfordere: so machen sie bald ein Geschrey / als ob die Menschen in dem Werck der Rechtfertigung auff die guten Wercke gewiesen würden; da heißt es bald / man spanne den Bogen zu (35) hoch; Das Verdienst CHristi werde dadurch geschmähet; man könnte die Leute wohl auff solche Weyse melancholisch machen / und in Verzweiflung stürtzen / und was dergleichen Sophistereyen mehr seyn. Und das hat denn bey Unverständigen einen grossen Schein / daß sie auch wol solchen Lügen glauben / und dencken: Es ist auch wahr; man thut der Sache zu viel; das Verdienst CHristi muß es doch alles thun; denn wenn wir so fromm leben könnten / was hätte er nöthig gehabt für uns zu sterben / u.s.f.? 0 wie wird manch unschuldig und einfältig Hertz durch solche Lügen und Verketzerungen bezaubert / und umb Seel und Seeligkeit gebracht: wie ja die Erfahrung lehret.
5 1 Zu solchem Schaff-Peltz gehöret auch das äusserliche ehrbare Leben / daß man ff- nehmlich nicht in Hurerey / in Trunckenheit oder in andern groben Sünden er
funden (36) wird / sondern sich so auffführet / daß die Menschen sagen: Ey das ist doch ein feiner Theologus und exemplarischer Prediger; man weiß gleich wol nichts böses von ihm Zusagen; er lebt doch nicht wie andere / sondern als es einem Theologo und frommen Prediger zukömmt. Und da lehret die Erfahrung / daß die / so unter diesem Schaaff-Peltz einhergehen / einem grossem Schaden thun / als andere / deren Epicurisches Wesen offenbar ist. Denn wenn ein Lehrer in Üppigkeit / in Hurerey / in Trunckenheit / in Hoflfarth / in Ehr-Geitz lebet / so kann jederman leicht erkennen / daß er dem Teuffel / der Welt und dem Bauche diene / und daß er nicht CHristo und seinem Worte folge. Da braucht jederman das Wort: Man soll nach seinen Worten thun / und nicht nach seinen Wercken. 1 Aber jene / die den Schein des Gottseeligen Wesens (37) ohne die wahre Kraflft annehmen / 7 8 sind der Welt in ihrer Heucheley nicht so offenbar / werden auch nicht dafür angesehen / daß sie falsche Propheten seyn sollten: denn weil sie ehrbar leben / und die groben äusserlichen Laster hefftig straffen; so werden die Menschen durch diesen Schaaff-Peltz betrogen / daß sie sagen; Sie sind doch auch rechtschaffene Lehrer; sie sagen es den Leuten gut genug / wenn sie nur darnach thun wollten; so straffen sie auch die Laster mit grossem Ernst / und eiflfern genug darwider. Damit bleiben denn die Zuhörer auch in solcher bloß- äusserlichen und bürgerlichen Ehrbarkeit stecken / und kommen nicht zu einer gründlichen Veränderung des Hertzens / darauff sie von solchen Pharisäischen Leh- ^ rern nicht gewiesen werden. Sehet / das alles / und noch ein mehrers gehöret zu der falschen Propheten ihrem Schaaff-Peltz!
' (38) Nun aber stehet allhier: Innwendig sind sie reissende Wölffe. Welches ist denn nun das Wolffs-Hertz der falschen Propheten? oder was für Leute sind denn inwendig reissende Wölffe? Antwort: Das sind solche / welche sich dafür ausgeben / daß sie andere bekehren / und das Ambt des Geistes führen wollen / da sie selbst noch nicht zu CHristo kommen sind / selbst GOTT noch nicht erkannt und gesehen haben / und also noch in der Unarth ihres unreinen und thierischen Hertzens stehen. Ein Wolff ist ein reissendes Thier / er verschonet der Heerde nicht; sondern er raubet die Schaaffe / und verschlinget dieselbigen: Also sind auch geartet die falschen Propheten. Sie haben ein Wolffs-Hertz / das ist / sie führen das Ambt nicht aus lauterer Liebe zu den Seelen der Menschen; sondern umb ihrer eigenen und der ihrigen Versorgung willen. Dahero (39) sie nur darauff sehen / daß sie im Ambte die Gebühren
7 Vgl. Matth. 23,3.
8 Vgl. 2. Tim. 3,5*.