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VI. Predigten

fein au ff den breiten Weeg gerathen / Fleisch und Blut den Zügel lassen / und also ihr ewiges Heyl verschertzen. Da sage ich nun / daß solche Lehrer sich damit verrathen / daß sie falsche Propheten sind / die von der Lehre CHristi und seiner Apostel ab­weichen. Denn wir mögen die gantze heilige Schrifft durchblättern und durchsuchen / so werden wir nirgend finden / daß die wahren Propheten / CHristus und seine Apostel eine solche Lehre geführet; Das und das ist zulässig / oder dieß und das kann der liebe GOtt noch wol leyden / und was dergleichen mehr ist: sondern wir sehen / wie die Apostel des HErrn auff eine gründliche Aenf 62) derung des Hertzens und Sinnes gedrungen haben / und wie man sich CHristo innerlich und äusserlich gleich stellen müßte. Also lasset uns ja dieses wohl erkennen / daß das ein rechtes Kenn-Zeichen der falschen Propheten ist / wo man das Volck auff dem breiten Weeg also hingehen lässet / der zur Verdammniß abführet.

Ferner sollten die Lehr-Früchte verstanden werden: so muß man ja denn darauf! sehen / was für Frucht die Lehre bey den Zuhörern schaffe. Denn da wissen wir ja / daß wenn von Früchten die Rede ist / solches von demjenigen effect oder Würckung / die eine Lehre hat / zu verstehen sey. So muß man demnach prüffen / ob die Zuhörer durch die Lehre bekehret / geändert und gebessert werden. Es ist ein bedencklich Wort / welches GOtt durch Jeremias im XXIII. Capitel v.22. saget: Wo sie / die (63) Propheten / bey meinem Rathe blieben / und hätten meinem Volcke meine Worte geprediget / so hätten sie dasselbe von ihrem bösen Wesen / und von ihrem bösen Leben bekehret. So ist es gewiß / wo GOttes Wort mit Ernst vorgetragen wird / wo es mit Geist und Krafft verkündiget wird / da greifft es die Hertzen der Menschen an: und wo Kinder des Friedens darunter sind / siehe so kommt der Friede auff sie / daß sie dadurch aus ihrem Verderben heraus geholet / und mit dem Liechte der Lebendigen erleuchtet werden. Fragt man solche aber / was sie denn vor Lehr-Früchte haben? Was sie mit ihren Predigten in ihrem Ambte vor Nutzen geschaffet / so lange sie darinne gewesen? So wissen sie von keinen andern zu sagen / als daß sie ja hoffen müßten / es werde GOttes Wort nicht leer wieder kommen (64) seyn. Ja / wer GOttes Wort geprediget hätte / und dabey geblieben wäre: so wäre es freylich nicht leer wieder zurücke kommen. Aber wenn da hunderterley Auslegungen / wenn da Histo­rien / wenn da Meynungen / wenn da controversien, die lang abgethan sind / und daran kein Mensch mehr gedencket / wenn da kluge Fabeln und unnützes / ungeist­liches Geschwätze auff die Bahn gebracht werden / und hergegen dasjenige / welches dazu gehöret / daß das Hertz angegriffen / die Gewissen gerüget / und zur Busse erwecket werden / daß ihnen ihr Verderben und Elend recht unter die Augen ge- stellet / so denn die Mittel und Weege aus ihrem Elende heraus zu kommen gezeiget werden / verbissen oder doch verkehret und verstümmelt vorgetragen wird: so ist kein Wunder / daß man nicht weiß / was das Wort für Nutzen geschaffet habe. Ich (65) kann mich dießfals wol auff die Erfahrung berußen / daß ein Lehrer / der selber noch nicht zu GOtt bekehret ist / und nur den äußerlichen Schaff-Peltz des Beruffs / der Orthodoxie und des Eyffers für dieselbe hat / aber innwendig ein Wolff ist / deßen Hertz voll Eigennutz und mit Geitz durchtrieben ist / die Seelen verwahrlose / und keinen rechten Nutzen schaffe: weil ein solcher unmüglich die rechte Weißheit die Seelen zu GOtt zuführen haben kann. Ich kann das mit Grund der Wahrheit sagen / so lang mir GOtt mein Leben gegönnet / ist mir noch kein Exempel bekandt / daß von einem solchen Hirten ein Mensch aus seinem Verderben heraus geholet / und in einen rechtschaffenen Stand der Wiedergebuhrt und des Christenthums ge- setzet / und in demselben weiter fort geführet worden wäre; Ein solches Exempel, sage ich / weiß ich nicht: Weiß aber einer unter euch (66) ein solches / so will ichs ihm gönnen. Mir ist noch kein Exempel bekandt: aber das hab ich wol gesehen / daß