3. Von den falschen Propheten, 1698
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in solcher Gemeinde / da die Lehrer selber nicht bekehrt gewesen seyn / alles fein so bey dem alten Schlendrian geblieben ist / daß die Leute zur lieben Kirchen gegangen / daß man Sie in ihren Sünden als liebe Mit-Christen getröstet / und sie ohne Unterscheid bey ihrem Hoffart / Geitz / Ungerechtigkeit / Freßen und Sauffen zur Beicht und Heil. Abendmahl gelaßen hat / dabey denn niemand mit Ernst an die Bekehrung gedacht / sondern alles so fein ruhig und still geblieben ist / daß die Lehrer mit Ihren Zuhörern und diese wieder mit jenen wohl zufrieden gewesen; indem einer den andern geheuchelt hat. Sehet so ist mirs wol bekandt / und so hab ichs wol in der Erfahrung: also daß man die falschen Propheten auch wol an den Früchten erkennen mag. Ich begehre ja damit keines (67) weeges zuläugnen / daß je zuweilen von einem solchen Lehrer aus dem Worte GOttes ein Spruch Heil. Schrifft vorgebracht werde / der etwa ein Hertze rühret; aber darinne bestehet ja gewiß noch nicht die gantze Führung der Seelen; da ist ja noch nicht das Ambt des Geistes / so geführet werden soll / dazu sie gewiß gantz untüchtig sind. Denn kommet nun einer / der durch das Wort GOttes in seiner Seele gerühret ist / zu einem solchen Lehrer / und saget Ihm seine Noth und Elend / wird ihm denn wol geholffen? Nein gar nicht. Denn da weiß ja ein solcher / als ein Blinder den Weeg selbst nicht / oder wie es nun anzugreiffen sey. Da ist ein solcher in den Weegen der Buße und des Glaubens unerfahrner Lehrer schon zufrieden / wenn es die Leute nur nicht mehr thun wollen: Ey sagen sie / Ihr wollt es doch nicht mehr thun? Und wenn das einer verspricht / (68) sagen sie; so ists schon gut / und lassen ihn damit hingehen. Oder man fahret gleich mit dem Trost drüber her: Seyd getrost / eure Sünden sind euch vergeben / und machet also kurtze Arbeit /damit einem solche Seelen ja nicht zulange auff dem Halse bleiben / sondern man ihrer je ehe je lieber wieder loß werden möge (als wenn es nicht mehr kostete / daß der Mensch aus dem Irrthum geführet / und gründlich aus dem Verderben heraus gerißen werde). Daß man aber ein solches Schäfflein / so aus der Irre gerne heraus will / sollte auff seine Achsel nehmen / und es zu der übrigen Heerde der Heiligen und Geliebten GOttes tragen / wie unser Heyland in seinem Vorbilde es gezeiget hat in dem 15. Capitel des Evangelisten Set. Lucae, 20 und also der armen Seelen zustatten kommen / ihr helffen und Mittel und Weege zeigen sollte / wie sie Christum annehmen / und in ihn (69) eingewurtzelt und bevestiget werden könne / das bleibet wol zurück. Wisset ihr dergleichen Exempel? Ist euch eines bekandt? Ja solche falsche Propheten befodern nicht allein die Seelen nicht in dem Wercke der Buße und Bekehrung: sondern sind ihnen darinnen wol gar hinderlich / und / da sie selbst nicht hinein wollen / so wehren sie auch andern / die von GOtt dazu erwecket sind. Denn da siehet man ja / daß wenn gleich einige Seelen etwa in eine göttliche Traurigkeit gesetzet werden / und kommen zu ihnen / und klagen über ihren sündlichen Zustand / darinnen sie bißher gelebet / auch was sie darüber in ihren Gewißen fühlen / so heißet es wol / daß man ja dahin sehen solle / daß man nicht zu tieffsinnig werde / daß man nicht etwa in Melancholey gerathe: oder man spricht wol gar; Ey wie kommt ihr ietzt auff die Gedancken? Ihr seyd ja lange ein guter Christ gewesen; Ihr seyd (70) ja fleißig in die liebe Kirche / zur Beichte / zum Heil. Abendmahl gegangen; Ihr werdet ja nicht sagen / daß ihr vorher keinen Glauben gehabt hättet; stärcket euch nur in eurem schwachen Glauben / und so weiter etc. Siehe / das heißet denn den Weeg GOttes umbkehren! Und das kommt eben daher / daß solche blinde Leiter selbst das Werck der Bekehrung in ihren Hertzen nicht erfahren haben: Darumb bleibet es wol bey dem Ausspruch unsers Heylandes JEsu CHristi / daß ein Blinder dem andern den Weeg nicht weisen könne. Mag auch / spricht Er / ein
10 Luk. 15,5.