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VI. Predigten
Blinder dem andern den Weeg weisen / werden sie nicht alle beyde in die Grube fallen. 21 Siehe das ist ein wahrhafftiges Wort / das JEsus CHristus gesaget hat. Darumb heißt es: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Ich sage damit nicht / daß (71) GOttes Wort nicht an sich selbst kräfftig wäre / oder daß die Krafft desselben von der Würdigkeit desjenigen / der es vorträgt / dependiren sollte; sondern glaube / daß GOttes Wort an sich selbst ein kräfftiger und lebendiger Saame ist; Wie solches E. L. in der Predigt am letzten Pfingst-Tage über Joh. X. so mit Göttlicher Hülffe ehester Tage zum öffentlichen Druck wird gegeben werden / ausführlicher gezeiget worden ist: 22 Doch mag ich auch mit den falschen Propheten dieses Lehr-Satzes nicht also mißbrauchen / daß ich sagen wolte / ja ein gottloser Prediger könne eben so wohl GOttes Wort lehren und predigen. Siehe das ist nicht wahr / und stehet nirgend in GOttes Wort: Es heißet: Ein Gottloser kann nichts rechts lehren; denn es kommt nicht von GOtt / denn zu rechter Lehre gehöret die Weißheit / so giebt GOtt Gnade dar(72)zu / Syr. XV.9,10. CHristus und seine Apostel haben auch so gelehret. Wo GOttes Wort recht gelehret und in Lauterkeit und Göttlicher Weißheit vorgetragen wird / unverfälscht / und ohne Menschen-Tand / da hats freylich seine Krafft: aber das können und wollen die falschen Propheten nicht thun; Denn sie sind triegliche Arbeiter / sie bringen ihren Menschen-Tand darunter / und verdrehen und verkehren das Wort GOttes. Wie ists denn möglich / daß GOttes Wort so denn seine Krafft beweise.
Ich will von solcher Verkehrung des Göttlichen Worts nur ein und ander Exempel setzen: 1. Tim. V,8. heißet es: So jemand die Seinigen / sonderlich seine Haußgenoßen nicht versorget / der ist ärger als ein Hey de / und hat den Glauben verläugnet / das ist ja GOttes Wort / daran ist kein Zweiffel: Wie (73) gehets aber mit solchem Spruch / wenn ein geitziger Prediger darüber kommt? Siehe Er weiß ihn bald also zuverdrehen / daß er damit behaupte / es sey nicht unrecht / daß er auch in seinem Ambte dahin sehe / wie Er sich und die Seinen wohl berathe / wie er auch etwas möge vor sich bringen; deßwegen könne es ihm auch ja niemand verdencken / wenn er die Gemeine / der er etwa jetzo vorstehet / und bey der wenig zuerhohlen / verlaße / und sich umb einen andern Dienst bewerbe / darbey mehr zubeißen und zubrechen sey. Denn spricht er / es stehet ja geschrieben: So jemand die Seinen nicht versorget / der ist ärger denn ein Heyde. Da bedencke selbst / wie doch GOttes Wort seine Krafft beweisen könne / wenn es also verfälscht und verdrehet / und der Sinn des Heil. Geistes verschwiegen wird: der dahin gehet / daß wenn solche Kinder seyn / die arme Eltern (74) haben / und sie noth leiden lassen / da sie doch solchen noch Handreichung thun könnten / solche ärger als die Heyden seyn / und den Glauben verläugnet haben. Denn wenn Glaube / der ja durch die Liebe thätig sich beweisen muß / in ihrem Hertzen wäre / wie könnten sie / will Paulus sagen / das über ihr Hertz bringen / daß sie ihre armen Eltern sollten unversorget lassen / und sie der Gemeinde auff den Halß schieben / daß sie sollten aus dem öffentlichen Gottes- Kasten erhalten werden / u. s.f. Wenn nun solcher Spruch auff den Geitz geführet wird / kann er seine Krafft nicht behalten.
So gehet es auch / wenn der Spruch aus der Epistel an die Römer III.23. Wir sind allzumal Sünder / und mangeln des Ruhms / den wir an GOtt haben sollten / angeführet und dahin gedeutet wird / als ob kein Unterscheid im Christenthum sey / sondern (75) einer sey so wol ein armer Sünder als der andere: welches gewiß Pauli Sinn nicht ist; denn es ja nicht heisset: wir / sondern sie sind allzumal Sünder. Daraus
11 Luk. 6,39.
12 Von dem Dienst untreuer Lehrer, Pfingsten 1698 (Einzeldruck Halle 1698, 1699 2 ; SFA I, 1035-1080).