3. Von den falschen Propheten, 1698
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man ja siehet / daß Paulus von den Menschen / wie sie vor ihrer Bekehrung ausser CHristo und seiner Gnade sind / rede: denn da ist freylich kein Unterscheid / da mangeln sie alle des Ruhms / den sie an GOtt haben sollten. Aber von einem bekehrten Menschen heisset es hingegen also: Wir rühmen uns GOttes in CHristo JEsu / nach dem V. Cap. der Epist. an die Römer. 23 Dieselben mangeln nicht des Ruhms / den sie an GOtt haben sollen / sondern sie rühmen sich des HErrn Jesu CHristi / der ihnen von GOtt gemacht ist zur Weißheit / und zur Gerechtigkeit / und zur Heiligung / und zur Erlösung / nach der 1. Cor. 1.30; ja sie rühmen sich (76) auch der zukünftigen Herrligkeit / die GOtt geben soll / abermal mit Paulo zu reden aus Röm. V. 24 Wenn das aber nun so hingesaget wird / daß kein Unterscheid sey / wir wären doch allzumal Sünder / wenn gleich einer frömmer wäre als der andere / wie kann da GOttes Wort / wenn es so verdrehet wird / seine Krafft beweisen? Denn es ist da nicht mehr GOttes Wort / sondern es ist der falsche Sinn solcher falschen Propheten / der wird dem Volcke vorgesaget: welches denn eben durch solche Verkehrung in seiner Unbußfertigkeit und in dem Wahn von der Unmüglichkeit fromm und heilig zu leben gestärcket wird; indem es einen solchen Schluß machet / es sey eben nicht nöthig / daß man es so genau nehme / es bleibe doch darbey: Wir sind allzumal Sünder / und mangeln des Ruhms / den wir an GOtt haben sollen. Ein solcher Schade entstehet / wenn der (77) Spruch so verdrehet wird / an statt / daß er also erkläret werden sollte / daß die Menschen dadurch zu einer gründlichen Erkenntniß ihres Elendes / und hertzlichem Verlangen nach der Gnade GOttes in CHristo JEsu / zu ihrer Rechtfertigung und Heiligung gebracht werden könnten.
Noch ein Exempel: Wenn gesagt wird: Der Gerechte fällt des Tages siebenmal / aus Proverb. XXIV. 25 und solches dahin angeführet wird / daß man sich deßwegen nicht zu bekümmern habe / daß man täglich vielfältig sündige: denn so der Gerechte des Tages siebenmal falle / so sey es nicht Wunder / wenn wir / die wir uns nicht für Gerechte ausgeben / sondern für arme Sünder halten / so sich nur der Gnade GOttes getrosten / noch vielmehr fallen. Da nun so viele Irrthümer in solcher Lehr-Art stecken / wie kann da GOttes Wort seine (78) Krafft beweisen. Denn erstlich stehet nicht in der Bibel: Der Gerechte fällt des Tages siebenmal; sondern es stehet: der Gerechte fällt siebenmal. Das Wort: des Tages / ist von ihnen darzu gesetzet. Zum andern / so handelt der Spruch nicht vom Sünden-Fall / sondern er handelt vom Fallen in Unglück. Wie aus dem Gegen-Satz zu sehen / da es heisset: Ein Gerechter fället sieben mal / und stehet wieder auff / aber die Gottlosen versincken im Unglück. Wie denn der liebe Lutherus in seiner Rand- Glosse es selbst also erkläret / daß der Spruch nicht von Sünden- sondern Unglücks-Fällen handele / 26 und dieses der Verstand sey: daß wenn gleich der Mensch in viel Noth und Elend stecke / so er anders GOtt fürchtet / und vor Augen hat / so werde ihm GOtt schon wieder heraus helffen; Aber derjenige / der dem Gerechten nachstelle / (79) dem werde es nicht wohl gehen / der werde darinn versincken. Wenn aber nun GOttes Wort also verkehret wird / wie können die Menschen anders als ein Pflaster daraus nehmen auff ihre alte stinckende Sünden-Wunden / daß sie meynen / es sey ihnen gantz wol gerathen / und werden doch immer tieffer ins Verderben hinein geführet? Aus dem allen aber ist nun offenbar / wie GOttes Wort seine Krafft nicht mehr beweise / wenn es nach dem Sinne solcher falschen Propheten vorgetragen und angenommen wird / und daß man
23 Röm. 5,11.
21 Röm. 5,2.
25 Spr. 24,16.
26 Vgl. WA Deutsche Bibel X, 2, 81.