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VI. Predigten
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GOttes Wort / so fern es GOttes Wort ist / und nach dem Sinn des Geistes vorgetragen wird / keines Weeges für unkräfftig achtet / sondern nur umb deßwillen unkräfftig wird / weil die falschen Propheten GOttes Wort nach ihrem Sinn deuten / und nicht die gantze Lehre / noch die gantze Oeconomie des Heyls / und was (80) darzu gehöret / daß einer aus seinem Verderben heraus gerissen werde / dem Menschen klar und deutlich vor Augen stellen.
Wir haben aber nun vielmehr aus unsers Heylandes eigener Erklärung zu lernen / was er meyne / wenn er spricht: An ihren Früchten sollet ihr sie erkennen. Denn so heisset es in dem folgenden: Kann man auch Trauben lesen von den Dornen / oder Feigen von den Disteln? Also ein jeglicher guter Baum bringet gute Früchte / aber ein fauler Baum bringet arge Früchte. Unser Heyland führet uns auff die Natur / und spricht: wir sind ja von uns selbst wol so klug / daß wenn wir gerne wollten Trauben lesen / wir nicht zu den Dornen gehen; denn das wissen wir wol / daß die Dornen von Natur keine Trauben bringen; sondern wir gehen zum Weinstock: Und wann wir Feigen (81) essen wollen / so werden wir zu keinem Distel Kopff gehen / und daselbst Feigen suchen / so thöricht ist niemand / sondern man gehet zu einem Feigen-Baum. Also spricht unser Heyland: Ein jeglicher guter Baum bringet gute Früchte / aber ein y fauler Baum bringet arge Früchte. So verhält sichs nun auch im Reich GOttes. Dan- nenhero wenn jemand wissen will / ob einer ein wahrer Lehrer sey oder nicht ] so sehe er auff seine Früchte / nicht nur der Lehre / sondern auch des Lebens. Findet er nun gute Früchte / nehmlich die rechten Früchte des Geistes / wie sie in der Epistel an die Galater am V. 22. beschrieben werden / als da sind Liebe / Friede / Freude / Gedult / Freundligkeit / Sanfftmuth / Glaube / Keuschheit: so kann er ja gewiß seyn / daß es ein guter Baum / das ist / ein Lehrer von GOtt / seyn müsf 82) se. Denn gleichwie / was Trauben hervor bringet / kein Dornenstrauch / sondern ein Weinstock ist: Also auch ein Lehrer / der solche gute Früchte bringet / kann kein falscher Prophet seyn. Wiederumb heißt es denn auch: Ein fauler Baum bringet arge Früchte. Denn ein jeglicher Baum wird an seiner eigenen Frucht erkannt. Dannenhero wenn wir an den Lehrern arge Früchte finden / nehmlich die offenbaren Wercke des Fleisches / wie sie abermal in der Epistel an die Galater am V. 23.24. 27 beschrieben werden: so können wir daraus schliessen / daß solche falsche Propheten seyn müssen.
Ja unser Heyland gehet noch weiter und spricht: Ein guter Baum kann nicht arge Früchte bringen / und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen. Zeiget damit an / daß mans nicht allein so in der Natur finde / sondern daß es auch (83) nach dem gemeinen und ordentlichen Lauff derselben unmüglich anders seyn könne; Ein guter Baum könne nicht arge Früchte bringen / und ein fauler Baum könne nicht gute Früchte bringen: Also wenn man an einem Lehrer die offenbare Wercke des Fleisches sehe / als Eigen-Nutz / Geitz Hoffarth / Wollust / Verwahrlosung der armen Seelen und andere dergleichen Sünde und Laster; so sey es nicht nur etwa glaublich / sondern es könne auch unmüglich anders seyn / ein solcher müsse ein falscher Prophet seyn. Hingegen wo man die Früchte des Geistes an einem Lehrer gewahr und inne wird / daß er nehmlich beweiset Glauben / Liebe Gedult / Sanfftmuth / Demuth / daß er sich mit hertzlichem Erbarmen der Armen annimmt / daß die Menschen durch sein Wort und Exempel bekehret / geändert und gebessert werden: so solle man gewiß daraus (84) schliessen / daß ein solcher Lehrer aus GOtt sey. Man soll sich damit nicht auffhalten / daß man spricht: Ja sie meynen es anders; Sie stellen sich nur so; Es ist doch nur Heucheley und Scheinheiligkeit; Sie kommen in Schaajfs-Kleidern / und sind doch wol reissende Wöljfe. Nicht also / sondern wenn du die Früchte des Geistes
27 Gal.5,19ff.