3. Von den falschen Propheten, 1698
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erkennest / da sollt du dencken an das Wort CHristi: Ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen. Denn wie unser Heyland wollte / daß man daraus schließen sollte weil sein gantzes Ambt dahin gienge / wie er dem Teuffel sein Reich zerstören und das Böse abthun möchte / daß er von GOtt gesand wäre / und die Teuffel nicht durch Beelzebub / sondern durch GOttes Finger austriebe; denn ja der Teuffel nicht so thöricht sey / daß (85) er sein eigen Reich werde verstören helffen: Also schliesset auch unser Heyland: Ein jeglicher guter Baum bringet gute Früchte / thut aber auch hinzu: Ein jeglicher Baum / der nicht gute Früchte bringet / wird abgehauen j und ins Feuer geworffen. Deutet damit an / wie es den falschen Propheten ergehen werde. Denn gleichwie ein Gärtner einen Baum / der nicht gute Früchte bringet / nicht immer in seinem Garten dultet / sondern denselben abhauet und ins Feuer wirfft; weil er ihn zu nichts bessers zu gebrauchen weiß: Also will auch GOtt solche Lehrer / die keine gute Früchte bringen / und deren Wort und Wercke nicht mit einander übereinstimmen / ins Höllische Feuer werffen. Aus dem allen ist denn zu sehen / warumb unser Heyland saget: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen / und (86) wie Er mit solchen Worten keines weges uns allein auff die blossen Lehr-Sätze / wie die falschen Propheten wollen / weise / sondern vielmehr und hauptsächlich auff die Früchte der gantzen Führung des Ambts und des Lebens ziele: ob nehmlich alles mit seiner Lehre über ein stimme. Denn seine Worte sind klar und deutlich: ja Er erkläret sich hernach noch deutlicher / was Er damit haben wolle / wenn Er spricht auch ohne Gleichniß: Es werden nicht alle / die zu mir sagen HErr / HErr / ins Himmel-Reich kommen / sondern die den Willen thun meines Vaters im Himmel. Will er sich denn nun an die Lehr-Früchte / das ist / an die Lehr-Sätze kehren? Nein / sondern er will Früchte haben / die aus der Lehre fliessen / Früchte des Lebens. Es werden nicht alle / spricht Er / die zu mir sagen: HErr / HErr / (87) das ist / die ihre Lehr-Sätze auff Universitäten fein in die Köpffe gefasset / und andern wieder so vorsagen können / wie sie dieselbe in ihr Gehirn gefasset haben / ins Himmel-Reich kommen / sondern die den Willen thun meines Vaters im Himmel. Was thun denn die falschen Propheten? Sie sagen noch wol darzu / das ist unmöglich / es kanns kein Mensch thun: und wollen doch haben / daß man sie an den Früchten ihrer Lehr-Sätze solle erkennen / ob sie rechtschaffene Lehrer seyn / oder nicht. Nun wolan / so ist denn offenbar / daß sie nicht aus GOtt sind: darumb daß sie den Leuten die Un- müglichkeit vormahlen von einer solchen Sache / die doch CHristus gethan haben will; wenn Er spricht: Die werden ins Himmel-Reich kommen / die den Willen thun meines Vaters im Himmel. Was ist aber der Wille (88) des Himmlischen Vaters? daß wir gläuben (mit einem göttlichen und uns innerlich verändernden Glauben) an den Namen des eingebohrnen Sohnes GOttes / und daß wir uns unter einander lieben (denn in der Liebe soll der Glaube thätig sich beweisen) nach dem dritten Cap. der Ersten Epist. Johannis. 28
Unser Heiland fahret fort und saget: Es werden viele zu mir sagen an jenem Tage: HErr / HErr j haben wir nicht in deinem Namen geweissaget? das ist / geprediget / vielmal auff der Cantzel gestanden / und haben unsere Predigt auffs herrlichste aus- geschmücket / haben sie den Menschen in deinem Namen auffs beste vorgetragen? Haben wir nicht in deinem Namen Teuffel ausgetrieben? Den Exorcismum bey der Heil. Tauffe so vielmal gebrauchet / und gesaget: Fahre aus du unreif89)ner Geist? 29 Haben wir nicht in deinem Namen viele Thaten gethan / damit daß wir die Ketzer
28 1. Joh. 3,23*.
29 Francke hat diese Form der „Teufelsaustreibung“ bei der Taufe seit 1699 aufgegeben (vgl. Kramer, Beiträge, S.410f.; Weiske, a.a.O., 26, 1931, S.32ff.).