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VI. Predigten

widerleget; daß wir große Bücher geschrieben / und dieselbe in die Welt ausge- schicket; daß wir sind grosse Lehrer / grosse Doctores in der Welt gewesen / die jederman admiriret hat? Dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch noch nie erkannt / weichet alle von mir / ihr Ubelthäter. Ihr habt euch nur umb eure Lehr-Sätze bekümmert: und ob ihr wol große Doctores in der Welt gewesen seyd; so habe ich euch doch nicht anders als Ubelthäter erkannt / nicht aber als meine Knechte / die meinen Willen gethan hätten. Darumb wil ich euch nun auch nicht bey mir haben / sondern sollet als kahle unfruchtbare Bäume ins Feuer geworffen werden.

Wir mögen dann aber bey diesem Stück / da die Frage ist: Wobey (90) die falschen Propheten doch zuerkennen seyn? auch billig nach Anweisung der Schrifft dieses zu unserm Unterricht mercken / daß die falschen Propheten keines weges die Maal- Zeichen JEsu CHristi an sich tragen; Da hingegen die wahren Propheten / jeglicher in seinem Theil mit Paulo sagen kann: Gal. VI, 17. Hinfort mache mir weiter Niemand Unruhe / denn ich trage die Maal-Zeichen Christi an meinem Leibe. Was sind aber die Maalzeichen CHristi? Antw. Die Maalzeichen CHristi sind Schmach / Verfolgung umb des Worts des Evangelii willen und allerley Trübsalen. Suchet selbst die gantze Heil. Schrifft durch / und sehet / was vor Kenn-Zeichen die wahren und falschen Propheten haben. Die wahren Propheten sind allezeit von der Welt verfolget / ver­spottet und verschmähet worden: Es (91) haben die Menschen allerley Übels von ihnen geredet. Sie waren der Bösen ihr Liedlein; wie David / Ezechiel und Jeremias / ja alle Propheten darüber Klage führen. 30 So spricht unser Heyland Matth. V.ll. in eben dieser Rede / daraus unser jetziges Evangelium genommen: Seelig seyd ihr / wenn euch die Menschen umb meinet willen schmähen / und verfolgen / und reden allerley Übels wider euch / so sie daran lügen; Seyd frölich und getrost / es wird euch im Himmel wohl belohnet werden; Denn also haben sie verfolget die Propheten / die vor euch gewesen sind. Da zeiget unser Heyland an / so sey es immerdar ergangen / nehm- lich / daß diejenigen so die Wahrheit denen Leuten vor die Stirn gesaget / die sich vor Menschen nicht gefürchtet / sondern ihnen ihr Verderben und Sünde vor Augen (92) gestellet haben / keine Liebe bey der Welt gefunden: sondern daß sie der größte Hauffe in der Welt verlachet / verspottet / verleumbdet / verhöhnet und verfolget habe / (davon wir wol ferner nachlesen mögen das eilffte Cap. der Epistel an die Ebräer / in welchem ein gantz Register solcher Creutzes-Zeugen enthalten ist.) Und darumb saget Er / sollten sie sich hieran nicht ärgern: sie wären seelig / wenn es die Welt so mit ihnen spielete; denn so hätten es ihre Väter denen wahrhafftigen Pro­pheten auch gemachet. Sehen wir Christum und seine Apostel selbst an / so finden wir/ daß es ihnen nichts besser ergangen sey. War denn nun CHristus wol angenehm bey seinem Volck? Saget nicht Johannes: Er kam in sein Eigenthumb und die Seinigen nahmen Ihn nicht auff? 31 Wer war aber wol Schuld daran? Antw. Die Pharisäer / Schrifftgelehrten und Hohenpriester / die es (93) niemals mit ihm hielten / nach ihrem eigenen Geständniß Joh. VII.48. Gläubet auch irgend ein Oberster oder Pharisäer an ihn? Daher wurde denn auch das Volck von ihm abwendig gemachet / welches durch ihr Ansehen und Autorität verblendet und bezaubert wurde. Wie es auch heut zu Tage also gehet / da der arme Hauffe spricht: Ey / wenn es recht wäre / würdens unsere Geistliche auch billigen: wenns wahr ist / warumb sagen es denn unsere Herren Geistliche nicht auch so? Nun so ergieng es auch denen Aposteln: wurden sie wol auffgenommen? Ich meyne ja nicht. Ihr erstes Tractament war / daß sie mit Ruthen gestäupet wurden: Aber sie freueten sich / daß sie würdig geachtet wurden

30 Vgl. Ps. 69,13; Klagel. 3,14.63; Hes. 33,32.

31 Joh. 1,11*.