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VI. Predigten
So müßt ihr aber auch zum andern CHristum und sein Wort nicht von einander sondern. Ihr sollet viel mehr sein Wort euch lassen lieb und werth seyn. Woher kommts abermal daß die Menschen sich befürchten / sie möchten verführet werden / da sie doch sich nicht zu fürchten Ursach haben? Gewiß / das ist die Ursache / daß sie nicht GOttes Wort lesen / treiben / noch damit umbgehen / und ihre Lust daran haben Tag und Nacht / 36 nach dem ersten Psalm. Wenn denn der Mensch von GOttes Wort nichts weiß / gehet nicht damit umb / und höret dieses und jenes: was ist es Wunder / daß er nicht weiß / wie er daran ist / und daß er sich mit mancheley und frembden Lehren umbtreiben lässet. 37 Im Gegentheil aber / wann er die Art hätte der gläubigen Berrhoenser die da (99) fein nachforscheten in der Schrillt / ob sichs auch also hielte / 38 was Paulus lehrete: so würde er bald aus allen seinen Zweiffeln heraus kommen. 0 wie fein wäre es / wenn es die Zuhörer heut zu Tage noch also machten / und nicht so blindlings jedem zufielen: wenn sie das / was sie in der Predigt gehöret / daheim in GOttes Wort fein nachschlügen / und betrachteten ob sichs also verhielte; so ist kein Zweiffel / sie würden an den Prüffe-Stein des Wortes GOttes bald das wahre und falsche Gold der Lehre von einander unterscheiden lernen. So hat unser lieber Heyland in diesen dreyen Capiteln des Evangelisten Matth, im 5.6. und 7den seine Lehre so deutlich und klar zusammen gefasset / daß wenn auch einer nur dieselbe ihm recht bekandt machete / er gewiß auch darnach könnte urtheilen / welche Lehre aus GOtt sey oder nicht.
Aber auch dabey solls einer nicht (100) lassen. Es heißt: Sehet euch für. Es kann aber keiner sehen / der nicht Augen hat oder selbst blind ist. Soll einer sehen / so müssen ihm seine Augen geöffnet seyn: Ich will sagen / es muß einer selbst den Geist der PrüfLing haben / so er anders die Geister prüffen will. Er muß selbst durch den Heiligen Geist / der da ist ein Geist der Weißheit und der Offenbahrung / erleuchtete Augen eines guten Verständnisses überkommen haben: 39 Sein inwendiges Auge muß von aller Schalckheit und Unlauterkeit also gereinigt seyn / daß er das wahre von dem falschen unterscheiden / und was das beste sey / prüffen kann. Darumb ist auch von nöthen / daß der Mensch sich selbst durch das Wort GOttes erst gewinnen lasse / und von Hertzens-Grunde begehre sich nach demselben zurichten. So lange der Mensch nicht den Zweck hat / daß er gern sein gantzes Wesen und Thun nach (101) GOttes Wort einrichten will / sondern sich selber ein Christenthum nach seiner eigenen Phantasey schnitzet / und sich nach dem meisten und grössesten Hauffen richtet / daß er es so und nicht anders als andere Menschen mache / damit er nicht für einen Sonderling gehalten werden möge / ob er gleich darunter sein Gewissen auff mancherley Weyse verletzet: da ist es gewiß / daß ein solcher Mensch zur PrüfLing seiner Lehrer gantz untüchtig und ungeschickt ist: da im Gegentheil / wenn der Mensch erst selbst zu dem lieben GOtt bekehret ist; so wird der Heil. Geist in seiner Seele zeugen / daß Geist Wahrheit ist / er wird durch desselben Krafft erkennen / daß das Wort / das gelehret wird / Wahrheit sey.
Daraus fliesset denn auch dieses / daß der Mensch an sich den Anfang machen / und nach der Ermahnung Pauli 2. Cor. XIII. sich selbst erst prüffen müsse / ob er im Glauf 102)hen sey / oder ob JEsus CHristus in ihm sey. 40 Da soll der Mensch sich selbst erst recht erkennen lernen an seinen eigenen Früchten / ehe er andere aus ihren
36 Vgl. Ps. 1,2.
37 Vgl. Hebr. 13,9*.
38 Vgl. Apg. 17,11*.
39 Eph.l,17f.
40 2. Kor. 13,5.