3. Von den falschen Propheten, 1698

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Früchten beurtheilet. Erst muß man in sich selber den falschen Propheten recht erkennen lernen: Wenn dieses nicht in acht genommen wird / so siehet man / wie ein verkehrt Urtheil von denen Menschen-Kindern gefället wird. Hielten sie nicht Johannem für einen solchen / der den Teuffel habe? Hielten sie nicht CHristum Jesum selbst für einen Freßer und Säuffer / für einen Zöllner und Sünder-Gesellen? 41 Ein solch verkehrt Urtheil fället die Welt / wenn sie sich ohne die eigene Selbst-Prüf- fung unterwindet die Lehrer zu prüffen. Aus Liecht machen sie Finsterniß / und aus Finsterniß Licht. Unser Heyland schließet seine Berg-Predigt mit diesen Worten: Darumb / wer diese meine Rede höret / und thut sie / den ver( 103)gleiche ich einem klugen Manne / der sein Haus auff einen Felßen bauet; da nun ein Platz-Regen fiel und ein Gewäßer kam / und webeten die Winde / und stießen an das Hauß I fiel es doch nicht / denn es war auff einen Felsen gebauet; Und wer diese meine Rede höret / und thut sie nicht / der ist einem thörigten Manne gleich / der sein Haus auff einen Sand bauet / da nun ein Platz-Regen fiel / und kam ein Gewässer / und webeten die Winde / und stießen an das Haus / da fiel es / und thät einen großen Fall.* 2 Damit wird angedeutet / wie der Mensch soll sehen / daß er erst in ihm selber einen guten Grund lege / und nicht wie er dieß und jenes an andern richten und tadeln möge: sondern er soll vor allen Dingen seine meiste Sorge auff sich selbst wenden / daß (104) er die Rede des Herrn JEsu nicht allein höre / sondern auch thue. Da soll der Mensch sich selbst fragen / du bist so offt in die liebe Kirche gegangen / was hastu denn für Nutzen davon? Wie hast du denn nach der Predigt gethan? hast du nun wol dieselbigen Laster gemieden / die du in der Predigt bestralfen gehöret? Hastdu denn der Tugenden dich von Hertzen befließen / dazu du in der Predigt bist ermahnet und gereitzet worden? Ist denn nun dein Hertz aus der Finsterniß zu dem wunderbaren Liechte GOttes bekehret? gehest du auch in der wahren Nachfolge deines Heylandes JEsu CHristi? und so weiter. Sehet / so soll der Mensch sich selbst fragen / was er für Nutzen und Frucht habe von dem Ambt / das da geführet wird. Wo nun der Mensch dieser Ordnung folget / so wird er schon zu der rechten Fürsichtigkeit sich für den falschen Propheten zu hüten gelanfi 05) gen.

Uber dieses soll man sich auch also für den falschen Propheten hüten / daß man wohl erwege / ob man durch ihr Vorgeben / und wenn man darnach thut / was sie sagen / zu einem recht seeligen Zustande seiner Seelen gelangen möge / und so man solches nicht befindet / daß man denn ihnen keines Weeges folge. Zum Exempel / wenn du hörest / daß die Lehrer dich bereden wollen; der liebe Gott könne das und das wohl leiden; das poculum hilaritatis sey wohl zugelassen; die Sorgen der Nah­rung könnten nicht so vermieden werden; Tantzen und Springen sey eine vergönnete Lust; Man dürffe sich wol nach seinen Stande halten; in prächtigen Kleidern gehen / sey keine Sünde / wenn nur das Hertz nicht darbey wäre; Man könne wol in der Welt Schätze sammlen / nach Ehren und höhern Standestreben/ u.s.f.; Siehe / so mußt du darinn den falschen Propheten nicht folgen / so lieb dir (106) dein ewiges Heyl und Seeligkeit seyn mag. Bedencke es selbst / wenn du nun dergleichen Lehre in dein Hertz kommen läßt / und dich darnach richten willt / wirst du wol alsdenn ein seeliger Mensch seyn? Wirst du wol bey der verstatteten Eitelkeit und Gleich­stellung der Welt / wenn dir die Dornen der Sorge der Nahrung / und der Geitz in deinem Hertzen gelassen / und dir die weltlichen Lüste eingeräumet werden / ein geruhiges / stilles / friedsames und freudiges Hertz zu GOTT gewinnen können? Wirst du wol bey so gestalten Sachen einen rechten Grund von dem rechtschaffnen

41 Vgl. Matth. 11,18f*

42 Matth.7,24ff.