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VI. Predigten

Erden war / da Er sammt seinen Aposteln und Jüngern ein Verführer seyn und heißen mußte / diejenige aber / so Diebe und Mörder waren / als die rechte Lehrer und wahre Propheten angesehen seyn ivollten: Also ist es auch auff den heutigen Tag; diejenige / so dein Volck ermorden / (135) und umb des Bauchs willen im Ambte sind / wollen den Namen haben / daß sie Diener JEsu CHristi seyn / und diejenige / so Guth und Blut dran wagen / daß die arme Seelen mögen gewonnen werden / müssen falsche Propheten heißen. HErr du getreuer GOTT! siehe doch einmal drein. Du weißt wie es in diesen Jahren hergangen / da dein Werck kund worden / wie es ist verlästert / verschmähet und verfolget / und wie es mit so vielen sündlichen und ärgerlichen Lügen ist be(136)schmitzet worden. Nun HErr / du hast deinem Volck ein kräjftig Zeugniß gegeben. Denn unge­achtet / daß die Menschen dawider gewütet haben / so hast du dennoch dein Wort fort- gehen lassen / und läßt es noch fort gehen täglich / daß die Stimme der Buße nun durch alle Lande / Städte und Dörffer erschollen ist / und man es nicht wehren können / daß dein Werck immermehr und mehr überhand genommen / welches die falschen Propheten für Verführungen haben aus(137)geschrien. Darinnen ists kund worden j daß es dein Werck sey / daß sie es nicht haben wehren können. Das ist ihnen ein Zeugniß wider sich selbst. Nun HErr / der du bißhero deine Knechte mit vielem Seegen geschmücket / und ihnen die wahre Kenn-Zeichen gegeben hast / vermehre die Zahl deiner Knechte auff Erden / und vergeringere die Zahl der falschen Propheten / die das Volck verführen auff den breiten Weeg. Denn es wird allenthalben voll Gottlosen / wo solche lose (138) Leute unter den Menschen herrschen; Wo aber dein Wort lauter und rein / und in der wahren Kr afft gelehret wird / da siehet man / daß dein Werck überhand nimmt / und des Satans Reich zerstöret und zerrissen wird. Darumb wollestu / o HErr! dein Werck fördern durch die Hand deiner Knechte / und jemehr und mehr hinzuthun / die mit größerer Krafft hervortreten / als deine Knechte bißher gethan haben: auff daß das Reich des Satans zerstöret und zermalmet werde / damit die (139) falschen Propheten bestehen mögen j wie ehemals die Baals-Pfaffen vor Elia bestunden. Das gieb / o HErr aus Gnaden! fördere dein Werck / und mache des Teuffels Werck-Zeuge zuschanden umb deines Namens willen / Amen!

(140) Die Eigenschafften und Tugenden eines getreuen Seelen-Hirten / wie sie von JEsu CHristo selbst in seiner geheimen Offenbahrung gelehret / und von einem geist­reichen Scribenten 59 zusammen gezogen sind. Solche sind folgende.

1 .

UBerfluß in guten Wercken. 2. Unverdrossene und unermüdete Arbeit. 3. Ertra­gung der Schwachen. 4. Eiffer wider die Gottlosen und Bösen. 5. Erkenntniß / die böse Lehre von der gesunden zu unterscheiden / und Wachsamkeit / die falschen Propheten zu entdecken. 6. Geduld / wenn von andern Mühe gemacht / und der Wahrheit widersprochen wird. 7. Liebe zum Creutz. 8. Muth und unbewegliche Vestigkeit des Hertzens. 9. Geist der (141) Busse auch in den geringsten Fehlern / damit die erste Brünstigkeit nie ins Abnehmen komme. 10. Heiligkeit und Abscheu für Hoffarth und aller Unreinigkeit. 11. Liebe zur Armuth / als zum größten Reich­thum. 12. Erduldung der Verleumbdung von den Gleißnern. 13. Sich für keineWider-

59 Der Autor konnte nicht ermittelt werden. In den späteren Auflagen hat Francke die Punkte weiter ausgeführt und am Rande auf die entsprechenden Stellen der Offenbarung ver­wiesen (vgl. SFA II, S. 327 ff.).