4. Die Übung des Glaubens im Kreuz, 1701

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Die Welt achtet nicht für nöthig / daß / wenn CHristus in das Schiff trit / seine Jünger schuldig sind / ihme zufolgen; sondern sie meynet wohl / daß der HErr JEsus sey in das Schiff des Creutzes getreten / Aber umb deswillen sey es nicht nöthig / daß wir ihm darinn nachfolgen müßen; sie hält das den Kindern GOttes nicht für gut / sondern rechnet es vielmehr für eine Vermeßenheit / so sie durch die Nach­folge CHristi in mancherley Anfechtung fallen / und beschuldiget sie / daß sie sich selbst in solche Ungelegenheit stürtzen / sprechend: wer sie das geheißen habe? sie sollten ihre Verwegenheit bleiben lassen / so würden sie nicht in solch Elend gerathen. Ja die Welt meynet es gar klug zumachen / wenn sie dem JEsu nicht ins Schiff nachfolget / sondern zurücke bleibt / suchet nur den Mantel nach dem Winde zu hängen / und siehet / wie sie sich bey äußerlich guten Tagen zu ihm halten möge: aber bey wahrhaflftigen Jüngern CHristi findet sich gar eine andere Klugheit. Denn sie verstehen das Geheimniß des Creutzes / ergeben sich in daßelbe williglich / und folgen ihrem Vorgänger Christo nach.

(345) Und so sehen wir dann auch hieraus / wie unser Heiland habe in einem äußer­lichen Bilde uns vorstellen wollen / wie er es halte in unserm Christenthum / nem- lich / wie er in das Schiff trat / solches Schiff von dem Lande mußte gestoßen werden / und auf das Meer frey dahin fahren / daß es die Wind recht ergreiflfen und fassen / und alle Wellen und Ungestüm dasselbe herum werflfen konnten; Also tritt auch JEsus in das Schiff unsers Hertzens / und läßt solches von dem Lande des indischen Lebens abstoßen / daß wir in dem Glauben dahin fahren / (wie Noa in seinem Kasten) und es wagen müßen auflf seine Gnade und Barmhertzigkeit / wie es uns mit ihm ergehe; und also heißt es denn recht: Und er trat in das Schiff / und seine Jünger folgeten ihm. Das ist der rechte Weg / wie CHristus seine Jünger führet / nemlich / daß er ihre Hertzen abziehet von allem dem / das irdisch und fleischlich heißen mag / und sie durch das Meer dieser Welt im Glauben fahren läßet / da sie sich allein auf seine Hülflfe verlaßen können. So übet er sie denn erst recht im Glauben. Denn so lange der Mensch noch an dem irdischen hänget / und sein Hertz noch an­gefesselt ist an der Ehre und Gunst dieser Welt / an der Wohllust oder vergänglichen Reichthum: so lange fähret er noch nicht im Glauben dahin / sondern er fähret nach seiner Vernunfft / fraget dieselbige um Rath / und wann er mercket / daß er möchte irgend einigen Schaden leiden müssen an dieser einem / woran sein Hertz hanget / so trit er bald wieder aufs Land / das ist / so hänget er sich bald wieder an das irrdische / klebet feste daran / und verlanget nicht zu harren auf den lebendigen GOtt. Alsdenn aber begiebt man sich im Glauben auf das Meer / wann das Hertz loßgemachet wird von der Welt / und in die wahre Verleugnung eintrit. So wird es denn mit CHristo JEsu recht vereiniget im Glauben.

Ferner heißet es: Und sihe / da erhub sich ein groß Ungestüm im Meer / also daß auch das Schifflein mit Wellen bedecket ward. Sihe / heist es / als JEsus im Schiff war mit seinen Jüngern / da erhub sich ein groß Ungestüm im Meer. Vorher war es stille / als JESUS hinein trat / und seine Jünger mit sich in das Schiff nahm. Vielleicht / wenn dazumahlen schon die Wellen so starck wären gewesen auf dem Meer / würden die Jünger sich geweigert haben in das Schiff zutreten: Darumb so mußte es dazu­mahl stille seyn / daß sie unser Heiland erst lockte / und in das Schiff brachte / dar­nach mußte ein Ungestüm kommen / und die Wellen das Schiflflein bedecken. So gehets / wann JEsus die Seinen im Glauben üben wil.

(346) Wenn es der Mensch vorher wüste / was ihm für Ungemach / für Schmach / für Elend / für Trübsal / für Verfolgung von der Welt begegnen würde / wann er in eine rechte wahrhaflftige Verleugnung trit / und sich recht mit JEsu in seinem Hertzen verbindet / nimmermehr würde ers nach des Fleisches Sinn mit ihm wagen / sondern