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VI. Predigten
sich vielmehr zurücke halten; seine Vernunfft / sein Fleisch und Blut würden viel zumächtig seyn / und ihn bereden / daß ers ja darauf nicht wagen möchte; er würde sorgen / daß er darinn umbkäme / und verdürbe. So aber pfleget unser Heiland dem Menschen seine Liebe / seine Treue / seine Allmacht und seine Krafft zubeweisen / wie er auch hier zu Capernaum gethan hat: und dann trit er mit dem Menschen ins Schiff und er folget ihm; Da es anfänglich gantz stille ist / und der Mensch sich darüber freuet / und sich verwundert / wie es sich so wohl mit JEsu dahin fahre / wann er das Hertz eingenommen habe; wie es so lieblich und tröstlich sey / im Glauben mit CHristo vereiniget zu seyn. Da empfindet der Mensch / daß ihm sein Leb-Tage so wohl nicht gewesen / als nun / da er sich in seinem Hertzen mit den HErrn JEsu verbunden. Bald aber darauf erhebet sich ein Ungestüm im Meer / also / daß das Schifflein von Wellen bedecket wird; ehe sichs der Mensch versiehet / empfindet er / daß / so bald er mit JEsu ins Schiff getreten / sich ein grosses Ungestüm im Meer dieser Welt erhebe. Da siehet der Mensch / wie CHristus nicht kommen sey / daß er Frieden mitbringe auf Erden / sondern das Schwerdt; wie er da errege den Vater wider den Sohn / die Tochter wider die Mutter / die Schnur wider ihre Schwieger / und wie des Menschen Feinde seine eigene Haußgenossen sindj Und wo der Mensch vorhin keinen zum Feinde gehabt in dieser Welt / so siehet man hernach / wie jedermann seiner spotten wil / ihn darüber verhöhnet und verlachet. Dabey aber bleibets nicht / sondern es läßet sich auch an zu mehrerm Elende / also / daß der Mensch / welcher Anfangs voller Trost und Freude war / als er sich mit dem HErrn JEsu vereiniget / bald viel Unruhe in seinem Hertzen erfahret; Da pfleget sich dann manche innerliche Unruhe des Hertzens zuerregen. Der Mensch siehet da erstlich recht / was er für böses in seinem Hertzen habe / daß er nimmer gedacht hätte: ja es trit der Satan hinzu / und erreget allerhand Anfechtungen in dem Hertzen / raubet den Trost hinweg / gibt hingegen allerley Zweifel / ja allerley lästerliche böse Gedancken ein / also daß das Schifflein des Hertzens davon als mit Wellen bedecket wird; Die Welt kommt denn auch darzu / und hilfft den Menschen verspotten / (347) daß es ihm also gehet. Nun / spricht sie / werde er melancholisch / rasend und zum Narren werden / er sey so lang ein Christ gewesen / und wolle nun erst anfangen; so gehe es ihm denn nun billig also. Es sey kein Wunder / daß der Mensch unsinnig und närrisch darüber werde.
Wenn denn die Winde von allen Seiten so auf den anfangenden Christen zustürmen / daß er äußerlich und innerlich gedruckt wird / so geschiehets ja leichtlich / daß er in eine Bangigkeit geräth / und ihm darin wehe wird / gleichwie denen Jüngern / da sich ein groß Ungestüm im Meer erhub / also / daß das Schifflein mit Wellen bedecket ward. Ja es dencket der Mensch wol / wanns nur allein auff das äußerliche Leiden ankäme / was die Welt ihm anthut / das wolte er gerne über sich nehmen / solch Ungestüm / solche Wellen achtete er nicht: Aber da er in seinem Hertzen keinen Trost findet / siehe / da kommt ihm solches alzuschwer an; Denn es heist da / wie wir aus dem Text hernach vernehmen werden / und sihe / er schlieff. Wenn mann das göttliche Leben nicht in sich selbst innen wird / noch seine göttliche Krafft bey sich erfahret / noch seine Freundligkeit / seine Liebligkeit / sein tröstliches und kräfftiges Wort schmäcket / das ist eine schwere Last. Aber das ist es / was die Schrillt saget / Hos. 11.14. Sihe / ich will sie locken / und wil sie in eine Wüsten führen. In dieser Wüsten / oder auch auff diesen wilden wüsten Meer / dahin man sich von der Liebe CHristi locken lassen / muß man dann ja Gedult haben: So erfahret man dann auch / was dabey stehet / daß GOTT da freundlich mit ihr (der gläubigen Seelen) reden wolle.
7 Matth. 10,34*.