4. Die Übung des Glaubens im Kreuz, 1701
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Mercket aber / daß es heißet: Es erhub sich ein groß Ungestüm im Meer. Wo CHristus in der Krafft gelehret und geprediget wird / da erhebet sich bald ein groß Ungestüm auf dem Meer / wo CHristus in eine Stadt oder Land kommt / das ist / wo sein Evangelium darinn ausgebreitet wird / da heist es bald eben also: Da erhub sich ein groß Ungestüm im Meer / also / daß auch das Schifflein mit Wellen bedecket ward. Wann vorhin alles in sicherer Ruhe dahin gegangen / und die Menschen gemeynet / es stünde gar wohl umb sie / so wird hernach ein groß Ungestüm. Woher kommet das? Erwecken denn CHristus und seine Jünger solche Unruhe? Nein / es steht: Es erhub sich ein groß Ungestüm im Meer. Das Meer bringet das Ungestüm, was bedeutet denn das Meer? Die Welt und Gottlosen / welche nimmer Friede haben / deren Wellen Koth und Unflath auswerffen / wie der Prophet Esaias (Cap. LVII.20.) von ihnen saget. Die Wasser sind Völ(348)cker und Schaaren / und Heyden und Sprachen / nach der Offenb. Joh. XVII.15. Unter denen erhebet sich solch Ungestüm; ja es erhebet sich aus dem Abgrunde / biß ihm CHristus gebietet; inzwischen leidet sich das Schifflein darunter / und wird von den Wellen bedecket.
Der Ander Theil.
LAsset uns denn auch zum Andern vernehmen / wie sich JEsus im Creutz für den Seinen verbirget / und seine Liebe seine Treue / seine Freundlichkeit / seine Allmacht / seine gegenwärtige Hülffe nicht sehen noch erkennen läßet. Dieses ist uns in einem gar lieblichen Bilde vorgestellet / in dem daß es in dem Text weiter heißet: Und er schließ". Denn wie der Schlaaff ein Bild des Todes ist / also ist da unser lieber Heiland / gleich als wann er todt wäre. Immassen der Mensch / da er vorhin sich an dem HErrn JEsu erfreuet / und seine Liebe und Freundlichkeit kräfftiglich geschmäcket / darnach zur Stunde der Prüfung nichts davon empfindet. Es ist ihm dann / als ob nun alles das hinweg wäre / was er einmal gutes von ihm erfahren.
Wir mögen leicht gedencken / wie damals den Jüngern zu Muth gewesen. Sie haben die Noth vor Augen gehabt / gegenwärtig nichts anders als den Todt erwarten können / und nicht gesehen / wie auf einige Art und Weyse Rettung wäre / da die Wellen das Schiff schon bedecket. Und / Sihe / unser Heiland / auf den sie sich verlassen hatten als ihren Meister / derselbige lag / und schlieff gar sanffte / daß sie sich desselben nun in dieser äußersten Noth nicht erfreuen konnten. Also pfleget denn der HErr uns auch zu üben / so wol äußerlich als innerlich / indem er sich verbirget zu der Zeit der Noth. Da ist er denn ein verborgener Heiland / (ein Heiland der sich verbirget /) wie der Prophet Esaias von ihm sagt / Cap. XLY.15. und alda gehet die rechte Übung des Glaubens an. Denn so lange der Mensch die gegenwärtige Hülffe erführet / oder die Freundlichkeit und Liebe JEsu im Hertzen schmücket / so ist zwar auch solches einige Übung des Glaubens / aber eine Übung der Kinder und Anfänger in CHristo. Dann ists aber eine stärckere und kräfftigere Übung / wo der Mensch dergestalt die Hülffe des Heilandes nicht schmäcket noch erfahret / sondern dieselbige sich vor ihm verbirget. Solche Prüffungs-Stunde soll der Mensch nicht geringe achten / sondern / wenn er sich mit dem HErrn JEsu süßiglich vereiniget / und er bald darauf in seinem Hertzen allerley Angst und Anfechtung / und auch (349) äußerlich man- cherley Noth erfahren muß / und keine Hülffe siehet / sondern weder aus noch ein weiß / soll er gedencken / jetzt sey das selige Stündlein / darinn ihn JEsus im Glauben üben wolle / und müße er sich demnach daran nicht kehren / ob er gleich äußerlich kein Mittel sehe / und in Verfolgung gerathen möchte / und in seinem Hertzen keinen Trost erführe / sondern soll da stille seyn im Glauben / und gedencken / es schlaffe nur der getreue Liebhaber der Menschen / er werde schon erwachen zu rechter Zeit. 23 Peschke, Franeke-Werke