342

VI. Predigten

Von den Jüngern heißt es: und sie traten zu ihm / weckten ihn auff / und sprachen: HErr / hilff uns / wir verderben. So sehen wir / wie der liebe Heiland seine Jünger im Glauben übet. Es schiene ja / ob wolte der Glaube gar verlöschen im Hertzen / und konten die Jünger zur selbigen Zeit das nicht faßen / daß dieses eine Übung des Glaubens wäre; Denn es kam ja ein solch groß Ungestüm / daß sie meyneten / sie würden des Todes dabey seyn; Da dachten sie nicht an den Glauben / an sein Wort und Verheißungen / sondern sie dachten nur an die Noth / und wie sie durch äußer­liche Mittel herauskommen möchten. Aber wie verborgen sind die Wirckungen GOt- tes in den Menschen / wenn der Glaube geübet wird! Eben da der Mensch keine Speculation in seinem Gemüthe hat vom Glauben; ja da ihm alles vergehet / was er vorhin für Concepte in seinem Kopffe davon hatte gemacht / da er wol gemeynet / daß er gar starck im Glauben sey; eben da der Heiland solche Einbildung und selbst Gefälligkeit zu nichte machet / da pfleget er den Menschen am allermeisten im Glau­ben zu üben: Denn sehet nur / wie er da die Jünger ins Gebet hinein triebe. Sie traten zu ihm / und meyneten / sie würden alle ums Leben kommen. Wenn sie ohne solche Noth gewesen wären / möchte wol ein jeglicher in seinen eigenen Gedancken sich auffgehalten haben. Also ists auch mit dem Menschen gethan / so lang er für sich dahin gehet / und keine Noth / keine Trübsal da ist / (ob er auch gleich einmal mit dem liebsten Heiland sich vereiniget gehabt /) wie leicht gehet er wieder mit seinen eigenen Gedancken so dahin / und hält sich darinnen auff; Aber sihe / wenn unser Heiland ein Ungestüm erregt / wenn er das Schifflein mit Wellen bedecket / so pfleget der Mensch mit seinem Hertzen / und mit seinen Begierden zum HErrn JEsu hinzu zutreten; sihe / da übet er ihn im Glauben. Wenn da der Mensch gleich an nichts weniger als an den Glauben gedencket / er meynet wol nicht / daß einiger Glaube in seinem Hertzen sey / ja er dencket wol nicht an das Wort oder an die Sache des Glaubens / sondern es ist ihm um seine Noth zu thun / darinn er stecket / er weiß nicht / wie er sich darinn rathen soll; (350) wirfft sich aber ins Gebet /und gibt sich in ein Schreyen und Flehen zum HErrn JEsu / da stehet der Glaube in einem rechten Kampffe.

Die Jünger traten zu Ihn / heißt es / und weckten Ihn auff. Sie meyneten / es wäre itzo nicht Zeit / daß der Heiland schlaffe / itzo sey es Zeit / daß er wache / zu ihrem Heil und zu ihren Besten. Ach es heißet wol: Deine Augenliede prüffen die Menschen- Kinder . 8 Wie etwan ein Vater / wenn er seine Kinder prüffen will / wie sich dieselbe verhalten / sich auff seinen Stuhl setzet / und seine Augen-Lieder zuschliesset / und nicht schiäffet / wie es das Ansehen hat / sondern nur in acht nehmen wil / wie seine Kinder sich verhalten werden: Also prüffet auch GOTT der HERR die Menschen / er thut / als wenn er schließe. Unser lieber Heiland schließ nach seiner niedrigen Mensch­heit wahrhafftig; Aber in seiner Herrlichkeit / als der Hüter und Wächter Israel schiäffet er nicht / sondern prüffet uns; Und zeiget hier / wie er den Glauben so verborgentlich prüffe / daß er die Menschen also treibet / locket und dringet / daß sie ihn auffwecken sollen zu seiner Hülffe / damit seine Hülffe ihnen köstlich werde.

Sie weckten ihn auff / nemlich mit ihrem Geschrey und raffen. Ohne Zweiffel werden sie ihn mit Namen geraffen haben: Herr! Meister / wilstu nicht erwachen? sihe / wir verderben; wie auch ihre Worte lauten: HErr / hilff uns / wir verderben. Sehet / so pfleget unser Heiland die Seinigen im Glauben zu üben / wenn er sie ins Gebet hinein jaget und treibet / welches dann geschieht durch Creutz und Trübsal. Denn es ist nicht zubeschreiben / wie verstockt und Halsstarrig das menschliche Hertz ist / wie es

8 Ps. 11,5*.