4. D ie Übung des Glaubens im Kreuz, 1701

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so gar nicht an das Gebet will / und wenn es gleich einmal im Gebet feurig worden ist / dennoch wieder kalt wird / so bald nur das Creutz nachläßet. Darumb kan unser lieber Heiland den Glauben nicht besser stärcken / als wenn er den Menschen mitten in den Feuer-Ofen hinein jaget / oder auff das Meer der Angst und Noth treibet / daß alles Ungestüm über Ihn sich errege / und alle Wetter ihn bedecken. Da muß er denn schreyen umb Hülffe / da muß er suchen den HErrn zuerwecken und ruffen: HErr / hilff mir j ich verderbe. Da es schiene / als würde der Jünger ihr Glaube bald unter­gehen / da griff er sie noch darzu mit ernstlicher doch liebreicher Bestraffung recht an / und zeigete ihnen / wie sie im Glauben ihm hätten anhangen und vertrauen sollen. Und auff solche Weise geschähe dem Glauben der Jünger des HErm ein grosser Zusatz. Denn ob sie schon vorhero an ihm geglaubet / da sie seine Jünger worden / wurden sie doch nun / da sie dergef 351 j st alt geprüffet und in Noth mit ihm gewesen waren / desto mehr in ihren Glauben gestärcket / wie wir auch in folgenden solches sehen.

Da sagt er zu ihnen: Ihr Kleingläubigen / warumb seyd ihr so furchtsam? Unser Heiland hat diese Worte ohn allen Zweiffel in aller Sanfftmuth zu ihnen geredet; und dürffen wir das nicht annehmen als große harte Scheit-Worte / damit er sie angefah­ren / sondern vielmehr als Trost-Worte / dadurch er sie kräfftiglich auffgerichtet und auffgemuntert und gesagt: Ey / warumb seyd ihr so furchtsam. Er straffet das nicht an ihnen / daß sie ihn bitten / sondern Er straffet an ihnen die Furchtsamkeit. Damit er die Furchtsamkeit aus dem Hertzen wegnehme / läßet er die Noth über die Men­schen kommen. Wenn der Mensch in der Noth und Trübsal noch gantz ungeübet ist / so kann er sich nicht drein finden / sondern da ist lauter Furcht in ihm / und denckt nur / wenn er doch einmal aus der Noth möchte kommen; biß er also die Weege Gottes recht lerne / daß es sich mit unserm Heilande nicht fahren lasse als im Glau­ben / gleichsam als auff dem wilden Meer dieser Welt / wie Noa mit seinen Kasten dahin fuhr; welches ein grosses und eigentliches Bild ist des Lebens in dem lautern Glauben an den lebendigen GOtt. Sihe! das mußte der liebe Heiland seine Jünger lehren. Darumb will er sonderlich die Kleingläubigkeit aus dem Hertzen nehmen / indem er die Furchtsamkeit straffet: Denn die Furcht ist nicht in der Liebe / sondern die völlige Liebe treibet die Furcht aus / spricht Johannes davon 1. Epist. IV.18. Also wenn das Hertz sich recht an den HErrn JEsum hänget / da hat es ein kindlich Ver­trauen zu ihm.

Ja unser lieber Heiland hat mit seinem Exempel wollen lehren / wie die Jünger könnten gar getrost seyn; und gleich wie er schlaffen könnte mitten in dem Sturm und Ungestüm / könnten auch sie / wenn ihr Glaube nur rechtschaffen wäre / wohl und sanffte schlaffen / wenn gleich die Welt untergienge / und die Berge mitten ins Meer süncken / wenn gleich das Meer wütete und wallete / und von seinem Ungestüm die Berge einfielen. Ps. XLVI.3.4. Er schlieff / und lehrete auch seine Jünger mit seinem Schlaffe / gleichwie David saget: (Ps. IV.9.) Ich liege und schlaffe gantz mit Frieden / denn allein du HErr hilffest mir / daß ich sicher wohne. Und Ps. III.7. Ich fürchte mich nicht für viel hundert tausend / die sich umbher wieder mich legen. Wie auch der CXXVII. Psalm von dem Schlaffe der Gläubigen Kinder GOttes redet / 9 welcher bedeutet ihren getrosten Glauben / und fröliche Zuversicht / die sie in Creutz und Trübsal zu ihren GOtt haben sollen. So erbauet uns unser (352) Heiland mit seinem Schlaff / damit er ja der rechte Heiland sey / der in allen seinen Thun / durch Schlaffen und Wachen / die Menschen lehrete.

»Ps. 127,2.

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