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VII. Schriften zur Lebensführung
VIII.
In Erzehlungen sey sehr behutsam. Denn der Lügen-Geist herschet drin(12)nen. Man ersetzet die Umstände aus eigener Erfindung / wenn das Gedächtnüß nicht alles behalten. Man prüfe sich / wenn man etwas erzehlet / ob man nicht in diesem und jenem mit Ungewißheit geredet. Lächerliche und üppige Historien stehen keinem Christen an. Denn sie sind entweder nicht wahr / oder doch ungewiß / oder sind wider die Liebe des Nechsten / oder lauffen hinaus auf einen Mißbrauch geistlicher Dinge / oder erwecken bey einem andern den Verdacht / daß man ihn damit meyne / oder machen / daß noch mehr dergleichen / und die noch schlimmer sind / erzehlet werden. Gute und insonderheit lebendige Exempel der Tugenden / und die von der Göttlichen Vorsehung / Allmacht / Gütigkeit / Gerechtigkeit Zeugnüß geben / laß nicht aus deinem Gedächtnüß / denn man kan viel damit bauen. Aber erzehle aus guter Gewißheit / darzu deutlich / vornehmlich ordentlich / ohne Zn(13)satz / und wo dir etwas entfallen ist / so halte es für keine Schande es zu gestehen.
IX.
Wenn du von dir selbst redest / so siehe zu / daß nicht eigne Liebe drunter sey.
X.
Falle nicht von einer guten Rede gleich auf die andere. Denn damit verderben sich die meisten / daß sie darnach von keiner Sache ausführlich zu reden wissen / sondern bald von diesem / bald von jenem zu reden anfangen / bleib bey einer Rede / so lange es andern nicht beschwerlich ist / so wirst du vielem Mißverstände zuvor kommen / dich und andere mehr erbauen / und dir einen guten Schatz sammlen / von wichtigen Dingen mit guten Gründen und ausführlich / wenn es noth thut / zu reden.
XI.
Gedencke / daß an sich selbsten sind böse Worte / als Fluchen / unnützlich (14) Schweren / grobe unzüchtige Reden: Daß auch sind unnütze Worte die zu nichts dienen / und keinen rechten End-Zweck haben. Und das sind auch gute Worte / die zur Ehre dessen gerichtet sind / der das Wort schon vorher weiß das auf deiner Zungen ist. Böse und unnütze Worte meide / denn du sollst für einem jeden Rechenschafft geben. Der guten befleißige dich.
XII.
Alle deine Gesellschafft sey / entweder aus Noth / oder aus Hoffnung zur Besserung / oder doch vorsichtig erwehlet. Den äuserlichen Umgang mit den Gottlosen kan man nicht meiden / aber gib dich nicht in ihre Gesellschafft ohne Noth. Sie werden dich eher verführen / als du sie gewinnen wirst. Must du aber mit ihnen umgehen / so hüte dich desto mehr.
XIII.
Viele Reden sind gut / aber sie werden nicht in der rechten Gesellschafft (15) und am rechten Ort geführet. In der Kirchen kan auch die beste Rede den Schwachen einen Anstoß geben.
XIV.
In anderer Gegenwart rede nicht heimlich und ins Ohr / oder in frembder Sprache. Denn das bringet Argwohn / und ein anderer meynet / daß du ihm nicht trauest.