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VII. Schriften zur Lebensführung
gen überwunden werden. Doch bestraffe dich allemahl zuvor selbst / ehe du andere bestraffest / damit deine Bestraffung aus Mitleiden herrühre. Straffe mit Liebe / und grosser Vorsicht und Bescheidenheit / ( 19 ) damit der andere nur auf irgend eine Art in seinem Gewissen möge überzeuget werden / daß er nicht recht gethan. Christus straffet auch mit einem Blick / da er Petrum ansahe / als er ihn verläugnet hatte. Und er finge doch bitterlich an zu weinen. 1 Er straffte aber auch mit ausdrücklichen / dürren Worten. Die Liebe muß hierinnen dein Lehr-Meister seyn. Nur mache dich anderer Sünden nicht theilhafftig.
XXII.
Wenn es bey der Mahlzeit ist / so bleibe ja bey der Mäßigkeit im Essen und Trin- cken. Wenn man dich nöthiget zum Überfluß / so dencke / daß es lauter Versuchungen sind / dich wider deinen GOTT zu versündigen. Laß dich ja nicht verleiten / der Annehmligkeit des guten Geschmacks zu folgen / und den Bauch bis oben an zu füllen. Es wäre dir besser / daß du offt / aber wenig ässest / damit du in der Nüchternheit des Gemüths / und in der Geschick/ 20 ) ligkeit etwas Gutes zu thun / erhalten würdest / als daß du auf einmahl den Magen voll schüttest / und aus dem lieblichen und freudigen Wesen einer nüchternen Seelen gesetzet wirst. Durch viel Essen und Trincken wird Leib und Seel beschweret. Eine beständige Mäßigkeit wird eine grosse Probe seyn / deiner geistlichen Klugheit. Wenn dein Mund noch so lecker ist / das beste vor dir zu wehlen / dich mit der niedlichen Speise / umb des guten Geschmacks willen / zu sättigen / und unordentlich zu essen und zu trincken / ohne rechten Hunger und Durst / so bist du noch nicht mäßig.
XXIII.
Allezeit / und bey aller Gesellschafft hüte dich für allen unanständigen Minen / Hand-Geberden und unordentlicher Stellung des Leibes. Es bezeuget Unordnung im Gemüth / und verrathen sich dadurch deine heimlichsten Gemüths-Bewegungen. Dein lie/21/ber JEsus wird solches nicht gethan haben / warumb woltest du ihm im äuserlichen nicht nachfolgen / welches ja das geringste ist? Laß dich von einem guten Freunde erinnern. Denn dieses möchtest du an dir selber nicht erkennen.
XXIV.
Hüte dich vor unnützen Lachen. Alles Lachen ist nicht verbothen. Denn es ge- schiehet wol / daß sich der Allerfrömmste nicht über weltliche / sondern über Göttliche Dinge also inniglich erfreuet / daß sein Mund mit einem bescheidenen Lachen von der Liebligkeit / die in seinem Gemüthe entstanden / Zeugnüß giebet: Aber es wird gar leicht damit gesündiget / und dem Hertzen zu einer gefährlichen Zerstreuung des Sinnes (B. der Weißheit IX,15.) der Weg gebahnet / welches bald wird gewahr werden / daß es zu leichtsinnig worden / wenn es sich wieder in tieffer Demuth zu dem allgegenwärtigen ( 22 ) GOTT nahen will. Insonderheit wenn andere über Schertz und Narrentheidung lachen / so hüte dich / daß du nicht mit lachest. Denn es gefallet GOtt nicht / warumb gefällt es dann dir? Gefällt es dir aber nicht / warumb lachestu dann drüber? Lachest du / so hast du mit gesündiget. Siehest du ernsthafft / so hast du schon die Sünde in der unnützen Schwätzer ihrem Gewissen gestraffet.
1 Vgl. Luk. 22,61 f.