1. Schriftmäßige Lebensregeln, 1689
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XXV.
Wenn es andere in ihren Reden worinnen versehen / oder von dem rechten Wege abgeschritten sind / so befleißige dich / daß du es durch eine vernünfftige Rede wieder beyzeiten ins Geschick bringest / so wirst du viel Weitläufftigkeit verhüten. Dieser Gabe befleißigen sich wenig / und ist doch sehr nöthig.
XXVI.
Ziehe dich niemahls einem andern vor / und erhebe dich nicht des Vorzuges / den du umb guter Ordnung wilf23jlen nach deinem Stande annehmen must. Du bist Staub / und der andere ist Asche. Für GOtt seyd ihr beyde gleich. Darumb laß es dir / so viel an dir ist / gleich viel seyn / wo du gehest oder stehest. Die Liebe ist demüthig / und erwecket durch ihre Demuth wieder bey andern Liebe. Aber ein hoffärtiger Mensch ist einem jeden beschwerlich.
XXVII.
Ehre jederman in der Gesellschafft / aber fürchte dich für keinen. Denn GOTT ist grösser / als du und er. Vor dem fürchte dich.
XXVIII.
Sey nicht traurig und verdrießlich bey den Leuten / sondern freudig und lieblich / denn das erquicket jederman.
XXIX.
Wenn du merckest / daß die Gesellschaft dir nicht nothwendig ist / oder daß die Ehre deines GOttes anderweit besser könne befördert werden / ( 24 ) oder daß die Liebe dich nicht dringe / deinem Nechsten durch deine Gegenwart zu dienen / so laß dir ja nicht lieb seyn / bey der Gesellschafft zu bleiben. Keinen Augenblick must du dabey seyn / wenn du keinen andern Zweck hast / als du nur die Zeit unnützlich paßirest. Das stehet einem Christen übel an / daß ihm mit seinem GOTT die Zeit lang wird. Auch fromme versehen sich hierinnen manchmahl / und fallen daher in viele unnütze Worte und Wercke / die darnach ihre Seele verunruhigen.
XXX.
Siehe / ob dein Hertz gleich beschaffen sey / es sey in der Einsamkeit oder in Gesellschafft. Findest du das nicht / so hast du grosse Ursache / dich der Einsamkeit noch mehr zu befleißigen / als der Gesellschafft / damit du dein Hertz zuvor in rechte Ordnung bringest. Findest du es aber / so siehe zu / der du stehest / daß du nicht fallest.