2. Von der Christen Vollkommenheit, 1691
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(115) Anhang von der Christen Vollkommenheit /
Vor einigen Jahren aufgesetzet von M. August. Herrn. Francken / und darnach ohne vorbewust des Autoris beygedrucket dem Informatorio Biblico des Sei. J. Amds. 1
1.
Wir werden allein gerecht durch den Glauben an den HERRN JESUM / ohne Verdienst und zuthun der Wercke / in dem uns der Himmlische Vater umb der vollkommenen Gnugthuung und des Hochtheuren Verdienstes willen seines Sohnes loß und ledig spricht von allen unsern Sünden.
2 .
Durch diese Rechtfertigung / welche durch den Glauben geschieht / wird der gerechtfertigte Mensch als gantz und gar (116) vollkommen / ja als die Gerechtigkeit GOttes selbst angesehen / wie S. Paulus schreibet: GOtt hat den / der von keiner Sünde wüste / für uns zur Sünde gemacht / auf daß wir würden in ihm die Gerechtigkeit GOttes. 2. Cor. V, v.21. Gleichwie nun GOTT den HERRN Christum ansieht als Sünde (weil ihm unsere Sünden zugerechnet werden:) allso siehet er den Sünder an als gerecht und gantz vollkommen / weil er dem Sünder die Unschuld und Gerechtigkeit Christi schencket und zurechnet als sein eigen.
3.
Wer diese Vollkommenheit nicht hat / der kan nicht selig werden; Denn diß ist nichts anders j als / Glauben an den HERRN JESUM: Und ist die Vollkommenheit nicht in uns j oder unser / sondern in Christo oder Christi / um welches willen wir für vollkommen geachtet werden von GOtt / und allso seine Vollkommenheit durch Zurechnung unser wird.
4.
Wenn aber nun der Mensch gerecht/ 117) fertiget ist / so kan er seiner Seeligkeit ^ gantz gewiß sein; Aber er findet bald die Schwachheit des Fleisches und die ange- bohrne sündliche Unarth. Er verlanget von Grund seines Hertzens nichts anders / als GOTT und das ewige Leben / und achtet alles was in der Welt ist / Augen-Lust / Fleisches-Lust / und Hoffärtiges Leben für Dreck und Schaden dagegen. Aber er befindet daß die Erb-Sünde sich in seinem Fleische reget / und ihm bald allerhand Zweiffel und böse Gedancken / bald böse Reitzungen des Willens verursachet; So befindet er auch / daß wegen der grossen und langen Gewohnheit zu sündigen er sich noch öffters in diesem und jenem in äusserlichen übereylet mit Worten und Wercken.
5.
Solche anklebende Unarth und Übereilung aber werden dem Gerechtfertigten Menschen nicht zugerechnet. Denn es ist keine Verdammung an denen / die in Christo JEsu sind / nemlich die nicht wandeln nach dem Fleisch / ob sie wol das Fleisch reitzet / sondern(118) nach dem Geist Rom. VIII, v. 11. So wendet sich ein Wiedergebohrner / so bald er seinen nicht aus Vorsatz begangenen Fehltritt erkennet / im warhafftigen Glauben gleich zu der Gnade JEsu Christi / und ist der Sünden von Hertzen feind.
1 Zu diesem Werk Arnds vgl. vorl. Ausg., S. 268. 24 PeBchke, Francke-Werke