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VII. Schriften zur Lebensführung

6 .

Daher wenn der wiedergebohrne Christ solches Gebrechen seines Fleisches er­kennet / so streitet er mit allen Ernst wider das böse / das sich in seinem Fleische herfür thut / und zwar nicht durch eigenes Vermögen oder Krafft / sondern tödtet durch den Geist des Fleisches Geschäffte / 2 und verlast sich auf die Krafft JEsu Christi / welcher ihm von GOTT gemacht ist zur Heiligung / und in ihm das böse überwindet.

7.

In solchen seinen sündlichen Gewohnheiten und Gebrechen bleibet aber der ge­rechtfertigte Mensch nicht allemahl gleich stehen / sondern leget durch GOttes Gnade das böse immer mehr und mehr ab / und wachset auch von Tage zu Tage im Glauben und in der Liebe; gleich wie man im leiblichen Alter erstlich ein (119)Kind ist / darnach ein Jüngling / darnach ein Mann wird.

8 .

In solchem Wachsthum aber mag der Mensch so weit kommen / als er immer will / wird er dennoch nie gantz vollkommen / sondern kan wachsen und zunehmen im Glauben / so lang er lebet. Und wer sich in dem Verstände der Vollkommenheit rühmet / betreugt sich selbst und andere.

9.

Doch kan nicht geläugnet werden / daß auch in dem Verstände auf gewisse Maasse eine Vollkommenheit dem Menschen von der H. Schrifft beygeleget wird / nemlich wie ich etwa einen pflege einen Meister in einer Kunst zu nennen / ob er gleich die Kunst nie auslernen kan / und noch viel Meister über sich hat; Allso will die Schrift nicht / daß der Mensch gantz vollkommen in diesem Leben werden könne / daß er ohne Sünde und Reitzung zur Sünde sey / sondern daß der Mensch zu einer männ­lichen Stärcke im Christenthum kommen könne / sich der alten Gewohnheiten zu entschlagen / und sein Fleisch und Blut zu überwinden / und daß ein Mensch immer vollkommener sey als der andere. So spricht die Epistel an die Hebreer / Cap. 5 / v. 12.13.14. daß für die Vollkommenen gehöret starcke Speise / und beschreibet die Vollkommenen / daß es sind / die da haben durch Gewohnheit geübte Sinnen / zum Unterscheid des Guten und des Bösen / nicht aber die durch die sündliche Lust nicht mehr gereitzet würden.

(120) 10.

Daraus erfolget / daß es beydes wahr sey / im gewissen Verstände: Wir sind voll­kommen / und wir sind nicht vollkommen / nemlich wir sind vollkommen durch Christum und in Christo durch unsere Rechtfertigung und nach der zugerechneten Gerechtigkeit JEsu Christi. Wir sind aber und werden nicht gantz vollkommen / daß wir nicht mehr solten wachsen können nach der Ablegung des Bösen und Annehmung des Guten / oder Heiligung.

11 .

Demnach wer hierinnen nicht irren wil / muß die beyden Artikul von der Recht­fertigung und von der Erneuerung oder Heiligung wohl unterscheiden / oder er wird sich immer mehr in den Streit verwickeln.

2 Vgl. Röm.8,13.