3. Kurze und einfältige, jedoch gründliche Anleitung zum Christentum [1696]

Unter dem 26. Februar 1692 notierte Francke in seinem Tagebuch:habe den Anfang gemacht zur elaboration der anleitung des Christenthums (Kramer, Bei­träge, S. 178). Wann die Schrift fertiggestellt und erstmalig gedruckt worden ist, läßt sich aus dem vorhegenden Material nicht erschließen. In der Hauptbibliothek der Franckeschen Stiftungen befindet sich ein Druck aus dem Jahr 1696 ohne Angabe des Verfassers, des Druckortes und der Auflage (15 G 23, 12°, 24 S.). Das könnte die im Katalog der Franckedrucke von 1698 genannte zweite Auflage von 1696 sein. 1697 erschienen bereits eine französische und eine lateinische Übersetzung, 1699 eine erweiterte deutsch-französische Ausgabe. 1702 nahm Francke die Schrift, um weitere Zusätze vermehrt, in die SammlungÖffentliches Zeugnis auf (WWD III, 411). 1706 gab er die Schrift in neuer, stark erweiterter Fassung unter dem TitelSchrifft- mäßige und gründliche Anleitung zum wahren Christenthum heraus. Es folgten weitere Auflagen und Übersetzungen (1734 5 ). Die weiteste Verbreitung fand die Anleitung schließlich dadurch, daß sie auch in die TraktatsammlungChristliches Leben aufgenommen wurde. Wir geben im folgenden den Text nach der Ausgabe von 1696 wieder.

Kurtze und Einfältige Jedoch gründliche Anleitung zum Christenthum. Anno 1696.

(3) I.

ES ist nicht ein jeder ein Christ / der sich einen Christen nennet; Denn ein Christ hat seinen Nahmen vom HErrn Christo; Christus aber heist auff teutsch ein Ge­salbter / nemlich mit dem Heil. Geist. Wenn nun einer spricht: Ich bin ein Christ / so ist es ehen so viel geredet / als wenn Er spreche: Ich bin mit dem Geist Christi gesalbet / oder Christi Geist wohnet in mir / daß ich von Hertzen an Ihn gläube als meinen einigen Heyland / und in meinem gantzen Leben und Wandel ihm bestän- diglich nachfolge. Wer das nicht sagen kan / der kan sich auch mit Warheit keinen Christen nennen.

(4) II. Wenn nun einer also siehet / daß er sich bißhero gantz fälschlich einen Christen genennet / oder auch / wenn einer an sich selbst zweifielt: Ob er auch biß­hero ein rechtschaffener Christ gewesen / so muß er bey Leib und Seel nicht auff- schieben sich mit allem Emst zu GOtt zu bekehren; Denn was ist schrecklichers / als nicht wissen / ob er ein Kind der ewigen Seeligkeit sey oder nicht.

III. Das ist aber zu erst von nöhten / daß der Mensch seine Sünde erkenne / denn GOtt spricht: Ich bin gnädig und barmhertzig / allein erkenne / daß du wieder den HErrn deinen GOtt gesündiget hast. 1 Daß solches nun geschehe / muß sich der Mensch von Hertzen Grund vor GOtt demütigen / und Ihn gantz inniglich bitten / daß Er ihm sein böses und sündliches Hertz fein recht wolle zu erkennen geben / daß er sich ja nicht für frömmer halte als er sey; sondern sich lieber vor den aller-

1 Vgl. Jer.3,12f.