3. Anleitung zum Christentum [1696]
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ärgsten Sünder halte und erkenne. Dann muß er nicht allein die äusserlichen groben Sünden / als huren / fluchen / stehlen / sauffen und dergleichen erkennen / denn das kan auch wohl ein Heyde bleiben lassen; sondern auch die Wurtzel aller Sünden nemlich den Unglauben für die allergrösseste und schwereste Sünde erkennen / und weil er leicht sehen wird / daß er bißhero tieff gnug darin gestecket / so wird er zugleich bekennen müssen / daß all sein Thun / sein Gehen / Liegen / Stehen / Essen Trincken / Beten / Kirchen gehen / seine Worte und Wercke / tichten und trachten nicht als Sünde gewesen / denn ohne Glauben ists unmüglich GOtt gefallen / Hebr. XI.6. und was nicht aus dem Glauben gehet / das ist Sünde / Rom. XIV.23. Wann der Mensch aber daran zweiffelt: Ob sein Thun bißher nichts anders als Sünde gewesen / so darff er nur bedencken: Ob er nicht sein Thun bißhero nur auff sich selbst / daß er möge sein zeitlich Leben fein gemächlich hinbringen / gerichtet habe; Befindet er solches / so muß er wissen / daß er darinnen nichts anders (6) gethan / als was alle Heyden / Jüden und Türcken thun. Was aber ein wahrer Christ ist / der mag essen oder trincken / so thut er alles zu GOttes Ehren. 1. Cor. X.31. Es ist ihm zu thun nicht umb das zeitliche Leben / sondern umb das Ewige / nach der vermahnung Christi. Matth. VI.33. Trachtet am ersten nach dem Reich GOttes / und nach seiner Gerechtigkeit / so wird euch solches alles zufallen. Wer daß nicht thut der ist ein Heyde.
IY. Wenn sich nun der Mensch für einen armen / elenden / sündigen Menschen erkennet / der bißher ausser der Gnade GOttes und ohne Christo gelebet / der sich einen Christen genennet / und doch nichts weniger gewesen / so kan nichts anders darauff erfolgen / als eine ernstliche Reue / daß sich der Mensch vor sich selbst schämet / daß er bißher ein solcher Narr gewesen / nach dem Zeitlichen und Leiblichen mehr getrachtet / als nach dem / was die Seele und ewige Seeligkeit angehet / daß Er ein so grober Heuchler / der vor einen guten Christen wollen (7) angesehen seyn / und doch weder Glaube noch Liebe in seinem Hertzen gehabt / und weder kalt noch warm gewesen / daß Er den lieben und getreuen GOtt / der Ihm aus lauter Gnaden die ewige Herrligkeit oder Seeligkeit angeboten / mit so wissentlichen Sünden so un- zehlich mahl erzürnet / daß Er so viel Jahr seines Lebens vergeblich hingebracht / und seinem Fleisch und Blute und dem Satan selbst gedienet / an statt / daß Er dem lieben GOtt hätte dienen sollen. Wenn dem Menschen das recht in Sinn kömpt / so mögte er wünschen / daß er doch alles mögte wieder gut machen können. Aber damit ist es nun zu spätt / was geschehen ist / das ist geschehen / und daß kräncket und schmertzet ihn denn nicht wenig / daß er seine Sünde nicht verbessern kan / nachdem sie einmahl begangen sind. Wenn nun der Mensch solche traurige Gedancken über seine begangene Sünde wolte aus dem Sinne schlagen / und gedächte: Er möchte wohl gar darüber melancholisch werden oder verzweiffeln / so würde er sehr übel thun; Aber daß ist (8) eine Göttliche Traurigkeit die niemand gereuet / 2. Cor. VII. 10. viel besser thut er / wenn er noch darzu GOtt im Himmel bittet / daß er durch seinen Heil. Geist eine rechte ernstliche Reue in seinem Hertzen wircken wolle / damit Ihm seine Sünde fein bitter und verleitet werden / daß Er hernach nicht so leicht wieder in das unordige wüste Wesen hinein lauffe.
V. Er muß aber in solcher Reue nicht stecken bleiben wie Cain und Judas der Verräther / sondern muß mit solchem geängsteten Hertzen und zerschlagenen reuigen Geiste zum Creutze Christi kriechen / eingedenck der lieblichen Stimme des HErrn / Matth. XI.28. Kommt her zu mir alle die ihr mühselig und beladen seyd j ich wil euch erquicken. Solche Erquickung wird ihm denn auch wiederfahren / wenn er mit de- müthigem und zerknirschtem Hertzen seine Augen auff das bitter Leiden und Sterben und Hochheilige Verdienst unsers HErrn JEsu Christi richtet / und nicht eher