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VII. Schriften zur Lebensführung
Fehler und Gebrechen nicht zugerechnet / sondern Gott traget sie an mir und über- siehet sie / wie ein Vater an seinem lieben Kinde.
Seine Gnade aber machet mich nit sicher / sondern erwecket mich täglich / mich in dem Geiste meines Gemüthes mich immer mehr und mehr zu erneuern. Denn Gott / der alles gute in uns wircket / last eine Kindliche Furcht in meinem Hertzen wohnen / und ein warhafftiges Erzittern für seiner H. Majestät / welches mich bewahret nicht auf Gnade zu sündigen. Er reiniget mich aber wie einen Reben / daß ich immermehr Früchte bringe. Ich bin warhafftig rein / durch das Wort das Christus JEsus geredet und ich gegläubet habe. Solches ist keine Einbildung noch falsche Zurechnung. Christus Jesus hat mich warhafftig geliebet / und mich abgewaf57,) sehen von meinen Sünden mit seinem Blut. Mein Heyl ist warhafftig in der Vergebung der Sünden. Gott hat mich fühlen lassen / mein Unvermögen zu glauben / und darauff hat er mir gezeiget sein Erbarmen / und den Glauben selbst in meinem Hertzen gewircket.
Was ich dergestalt gesehen und gehöret und in geistlicher Erfahrung gelemet / ist mir gewisser / als was meine leibliche Augen sehen / meine leiblichen Ohren hören / und meine leiblichen Hände betasten. Gott selbst hat mich gelehret Natur und Gnade / Licht und Finsterniß / Einbildung und Krafft von einander zu unterscheiden. Gott aber ist nicht allein getreu / daß er uns die Sünde vergiebet / sondern auch gerecht / daß er uns reiniget von aller Untugend. Darum bekenne ich auch meine Sünde und Untugend für ihm / und begehre davon immer mehr gereiniget zu werden.
Solche feme(59)re Reinigung und Heiligung gehet also zu / daß ich gegen die Sünde streite und kämpffe / doch nicht aus eigenen Kräfften / sondern durch den H. Geist / welcher in mir wohnet und wircket. In dem Glauben an JEsum ist mein Anfang / Mittel und Ende. In dem ich alles selbst wircken verlasse / und erkenne / daß ich von mir selbst nichts als sündigen / und durch mich selbst nicht näher zu GOtt und seinem Lichte kommen kan / mich aber an der pur lauteren Gnade GOttes halte / und auff das Lämblein Gottes sehe / das meine Sünden trüget und in seinem Blut mich zum Vater nahe / so wird eine neue Krafft in meinem Hertzen gebohren / daß ich den Glauben als ein himmlisches Licht und Feuer in meinem Hertzen fühle / die Liebe Christi schmecke / und der neue Mensch als ein guter Baum in seinen Blüten ausschläget / die ihren lieblichen Geruch von sich geben und( 61) GOtt und Menschen wohlgefällige Früchte bringen.
Es ist nicht ein anderer Weg / dadurch ich gerecht worden bin / und ein anderer / dadurch ich suche geheiliget zu werden / sondern es ist einer / welcher ist der Weg / die Warheit und das Leben. Gleichwie ich mich an nichts halte als an Christum / wenn ich üm Vergebung der Sünden bitte / also halte ich mich auch alleine zu ihm / und kehre mich pur und lauterlich zu seiner Gnade / wenn ich im Glauben / Liebe u. Hoffnung stärcker zu werden trachte.
Ja ich bedarff nichts anders / als daß ich in der empfangenen Gnade / und in dem neuen Sinn / den mir der Sohn Gottes gegeben hat / daß ich erkenne den warhaffti- gen / und bin in dem wahrhafftigen stehen bleibe / und nicht abweiche / so wird das Werck Gottes in mir vollendet / denn Gott bedarff meiner nicht zur Vollendung seines Wercks / wenn ich mich nur von ihm (63) als ein Kind im Mutter-Leibe zubereiten lasse / und der Wirckung seines Geistes nicht widerstrebe: so schaffet er alles in mir / was für ihm wohlgefällig ist.
Doch will er keines weges / daß ich unachtsahm sey / und an statt der wahren Gelassenheit / in der Natur Ruhe und Frieden suche. Denn eben dadurch würde ich mich / auch unwissend / seiner Wirckung verlustig machen. Denn sein lebendiger Geist will stets und ohne Unterlaß wircken / und wer seine Ströhme nicht stets fliessen lässet / der kan sich nicht entschuldigen / daß er seiner Wirckung nicht widerstrebe /