5. Bekenntnis eines Christen [1697]
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doch ermüdet er Niemanden mit seinem wircken. Denn er führet ein sanfft und lieblich Sausen / u. durch seine Krafft wird es einer Seele / die ihre Rechtfertigung in dem Blute des Lammes erkennet nicht schwer / die Flügel des Glaubens und der Liebe empor zu schwingen.
Denen Demüthigen ist (65) der HErr hold / denn alle Gnade des Heil. Geistes fleust im Thal der Demüthigen Hertzen. Die wahre Demuth aber hat ihren Grund und Wurtzel in der Rechtfertigung / die aus Gnaden geschiehet. So lange nun der Mensch nichts an sich erkennet / und doch alles in Christo findet / so wallet das Hertz im himmlischen Friede / und wird von GOtt erqvicket und gestärcket. So bald sich das Hertz erhebet / und nicht sein Heyl pur lauterlich in der Vergebung der Sünden suchet und findet / so tritt er auff einen falschen Weg / der voller Unruhe ist.
Doch hat auch GOtt seine Stunden der Anfechtung und der Demüthigung. Und damit dem Menschen das innerste seines Hertzens offenbahr werde / muß er durch viele Prüffungen gehen / ob er auch gleich nicht abtritt von dem rechten und richtigem Wege. Wie leicht ist es aber / von die)' 67)sem gar sehmahlen Wege abzuweichen! Wie leicht setzet sich etwas in das Gemüthe / dessen der Mensch so bald nicht innen wird / welches ihn aus der kindl. Einfalt rücket / dz er meinet / er wolle es besser treffen / und weichet doch unvermerckt vom Evangelie zum Gesetz.
Denn das Evangelium hat eine Englische Einfältigkeit / und machet den Menschen kindlich und süß gegen alle Menschen. Es ist eine grosse Klarheit / ein durchscheinendes Licht / ein lauterer Strohm des Friedens / eine Ruhe von eigenen Wercken / ein Genuß Gottes und seiner Seeligkeit.
Seelig ist der / der sich das Ziel nicht verrücken lasset / welches leichtlich geschehen kan / wenn man nicht auff Christum allein siehet / sondern auff anderer Menschen Exempel / und wenn man hoch fliegen will / und vor der Zeit am neuen Menschen groß seyn. Niemand kan seiner Länge ei(69)ne Elle zusetzen / ob er gleich darum sorget. Diß findet seine Gleichheit auch an den inwendigen Menschen. Die Natur will gern ihren Weg / und siehet kein ander Mittel vollkommen zu werden / als daß man suche etwas zu werden. Gottes weg aber gehet gar anders. Denn Er machet zu nicht das / was etwas ist / damit Er selbst alles in allen werde. Und dieses alles ist in dem einigen verfasset; wer an den Sohn gläubet / der hat das ewige Leben. HErr JEsu dein guter Geist führe mich auf ebener Bahn.