6. Schriftmäßige Anweisung, recht und Gott wohlgefällig zu beten, 1695

DieAnweisung zu beten hat Francke im Frühjahr 1695 druckfertig gemacht (Vorwort vom 13. April 1695; vgl. Kramer, Beiträge, S. 330, 331 f.). Die Schrift ist seinenehemaligen Zuhörern und sonst lieben Freunden in der Stadt Erffurth gewidmet (WWD III, 18). 1698 erschien eine vermehrte und durchgesehene zweite Auflage (1716 5 ). In dieser Form hat Francke sie in den SammelbandÖffentliches Zeugnis aufgenommen (WWD III, 18146). In einem Extrakt sind die Kernsätze der Schrift auch in der TraktatsammlungChristliches Leben zusammengefaßt worden. Wir bringen im folgenden das vierte Kapitel zum Abdruck, das für die Schrift und die in ihr zum Ausdruck kommende Stellung Franckes zum Gebet be­sonders typisch ist (vgl. Peschke, Studien I, S.37f., 109ff.). Wir geben den Text nach der ersten Auflage von 1695 wieder.

M. Aug. Hermann Franckens / Gr. & Or. Lingg. P. P. & P. Glauch.

Schrifftmässige Anweisung recht und Gott wolgefällig Zu beten /

Nebst hinzugefügten Morgen- u. Abend-Gebetlein und einem Kielischen Responsum Die Gewißheit und Versicherung der Erhörung des Gebets betreffend.

Halle / verlegts Joh. Jacob Schutze / Anno 1695.

(367) Das IV. Capitel. Von den Gradibus oder Stuffen des Gebets. Matth. VII,7. Luc. XI,9. Bittet / so wird euch gegeben / suchet / so werdet ihr finden / klopffet an /so wird euch aufgethan.

(368) Apoc. VIII,3,4. Der Engel trat bey den Altar / und hatte ein gülden Räuchfaß / und ihm ward viel Rauchwercks gegeben / das er gebe zum Gebet aller Heiligen auff dem gülden Altar vor dem Stuhl / und der (369) Rauch des Rauchwercks vom Gebet der Heiligen gieng auff von der Hand des Engels vor GOtt.

EHe ich von dieser nöthigen und wichtigen Sache handele / wil ich sonderlich um des willen / weil / leider! diese Sache / daß man im Gebet wachf370,) sen und zu­nehmen / und von einer Stuffen zur andern erhoben werden könne / denen meisten von wegen der kaltsinnigen Übung des Gebets unbekant ist / voransetzen die auß- führlichen Worte des von Gott hocherleuchteten Johann Arends / darinnen Er von eben dieser Sache gar deutlich handelt / in dem ich mich befürchte / wenn ich gleich den Leser (371) dahin weise / daß doch die wenigsten ihnen die Mühe nehmen mög- ten / solche nachzuschlagen und zu lesen. Er schreibet aber in der Vorrede über das Paradieß-Gärtlein also: 1 Gleich wie alle Ding ihre Gradus oder Seuffzer haben / ihr auff- und ab-steigen / ihr ab / und zunehmen: Also hat auch daß Ge(372)bet seine gradus. Der erste grad ist / daß du für allen Dingen Gott dem HErrn deine Sünde von Hertzen / in Reue und Leid abbittest. Dabey muß es aber nicht bleiben / wie der gemeine Gebrauch ist / daß jederman gerne Verge(373)bung der Sünden haben wil / und wil sich

1 Vgl. vorl. Ausg., S. 164.