6. Anweisung zu beten, 1695
371
aber nicht bessern / welches ein verkehrter Handel ist / darumb muß auch der andere gradus folgen / daß du mit dem Leben betest / und die Christliche Tugent von GOtt erbittest 1(374) und ins Hertz pflantzest / sonst ist dein Gebet lauter Heucheley / und ein Gespötle. Das ist der andere grad, beten mit Hertzen und Munde / und mit heiligem Leben. Der dritte grad ist beten mit lauter kräfftigen Seujfzen j wie (375) Hanna I. Sam. I. 2 und mit heissen Thränen wie Maria Magdalena / derer Thränen ihr Gebet waren ohne Wort. 3 * Der vierdte grad ist / beten mit großen Freuden und Frolocken des Hertzens / wie die Jungfrau Ma(376)ria in ihren MagnificatJ Der fünjfte grad ist / beten aus großer feuriger Liebe / diese haben alle ihre Lebens- und Seelen-Kräffte in die Liebe gezogen / und verwandelt / dieselbe mit Gott vereiniget / daß sie für Liebe nichts (377) anders gedencken / hören / sehen / schmecken / empfinden / denn Gott in allen Dingen / GOtt ist ihnen alles in allem / dieselbe hat die Liebe GOttes überwunden / und in sich gezogen j denen offenbaret sich GOtt / und kan ihnen nichts (378) verbergen noch versagen / wie Johan. 14 . 5 geschrieben ist. Wer mich liebet / dem werd ich mich offenbaren. Hieraus sind nun die gradus des Gebets wol abzunehmen / und sind dieselben angedeutet durch die Wort unsers (379) HErrn JEsu CHristi j Matth. 7. und Luc. 11 . 6 Bittet / suchet / klopffet. Durch das beten mustu erst empfahen alle die Gaben / so zum neuen geistlichen Leben / und zum wahren Christenthumb gehören / ohne welche niemand (380) recht beten kan. So du denn wirst fortfahren / und mit Thränen suchen / so wirstu in dem Heilbrunnen des Leidens Christi / einen ewigen unendlichen Schatz des himmlischen Gutes finden. Wirstu den weiter mit großer Freu(381)de und hitziger Liebe anklopffen / so wird dir dein Liebhaber die Thür seines himmlischen Reichthumbs auffthun und sprechen / Veni cj- Vide, kom her und siehe. Darffst aber nicht dencken / daß diese gradus bey dir und in (382) deinem Vermögen stehen / sondern es sind lautere Gaben GOttes / die du ihm auch abbitten must / wie die ersten drey Bitten des heiligen Vater unsers bezeugen / in welchen auch diese gradus angedeutet werden / denn (383) GOttes Nahmen heiligen geschiehet mit heiligem Glauben und Leben; Gottes Reich ist Gerechtigkeit / Friede und Freude im heiligen Geist / GOttes Wille ist eitel Liebe. Dieses ist zwar alles eine lautere und theure Wahrheit / und in dem götthy 384 Jchen Worte gegründet / wäre auch zu wünschen / daß diese Stuffen des Gebets von mehrern mögten betreten werden / gleich wie GOtt bereit ist / allen reichliche Gnade zum stetigen Wachsthum darzu reichen; Jedennoch wird noch weiter zuzeigen seyn / wie man so wohl andern zu solchen unterschiedenen Stuffen des Gebets Anleitung gebe / als auch /(385) wie man sich selbst nicht hindern / noch den Geist des Gebets dämpf- fen solle / damit er seine Krafft und Stärcke immer herrlicher an dem inwendigen Menschen beweise. Es ist ein fürnehmes Stück in der Christlichen Kinder-Zucht / daß man die kleinen Kinder / so bald sich nur einiger Gebrauch der Vernunfft durch die Sprache äussert / unsäumig zum Ge(386)bet anführe. Solches kommet für- nemlich auff die Eltern an / als welche aller dinges verbunden sind / die erste lautere Milch des göttlichen Worts ihren Kindern einzuflössen / noch ehe sie zur Schulen geschicket werden. Da muß dann das andächtige und eiffrige Gebet der Eltern die Haupt-Sache seyn in aller solchen Anweisung / nemlich / (387) daß die Eltern ohne unter laß GOtt den HErrn mit allem Ernst anruffen / daß er ihre Kindlein mit dem Geist der Gnaden und des Gebets von oben herab begaben / und zu ihrer äusserlichen
2 1. Sam. 1,10.
3 Vgl. Luk. 7,37 ff.
1 Vgl. Luk. 1,46 ff.
6 Joh. 14,21.
* Matth. 7,7; Luk. 11,9 f.