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VII. Schriften zur Lebensführung
Anweisung seinen göttlichen Seegen mildiglich verleihen wolle: Dabey sie denn nicht zu zweiffeln haben GOtt werde ein solches auffrichtiges und seinem heiligen^ 388) Willen gemässes Gebet in allen Gnaden erhören / und werde also dadurch mehr Frucht bey den Kindern geschaffet werden / als durch allen äusserlich angewendeten Fleiß. Hier nechst aber ist denn auch keinesweges die äusserliche Anführung selbst zu versäumen / und ist fast nichts so geringe / welches nicht GOtt zu einer reichen Frucht bey def 389) nen Kindern segnen könne. Gut ist es / wenn die Kinder an ihren Eltern / und andern allezeit sehen / daß das Gebet mit Andächtigen Geberden verrichtet werde / welches gute Exempel ihnen denn schon einen guten Eindruck giebet / daß auch sie mit desto geringerer Mühe zur äusserlichen Stille und andächtigen Geberden im Gebet zu bringen (390) seyn. Denn ob zwar das warhafftige Gebet keines weges in äusserlichen Geberden bestehet / so ist es doch keine geringe Verhinderung nicht allein an der wahren Andacht / sondern auch an aller Zucht und Anführung der Kinder / wenn man ihnen alles herum flattern und ungebrochenes Wesen in ihren Geberden verstattet / und sie nicht nach und nach durch (391) einige äusserliche Stille zur Zusammenfassung ihres Gemüths / und zur Erhebung ihres Hertzens für dem lebendigen GOTT gleichsam mit der Hand leitet. Dabey aber / wie auch sonst ins gemein / dieses wohl zu mercken ist / daß die Kindlein anders nicht als mit sanfft- müthigem Geist und freundlichen Zureden zum Gebet anzuweisen (392) sind / damit der kindliche Geist sich in Liebe und Süßigkeit zu ihrem himmlischen Vater sanfftig- lich erhebe. Denn ein Gebet / das im Zorn / oder in einem knechtischen Geist verrichtet wird / ist kein rechtes Gebet / und wird auch darinnen nichts von GOTT dem HErrn erbeten / sondern nur etwas um der Ruthen willen / da für sich die Kinder fürchten / für (393) Menschen geheuchelt. Daher / ob man gleich sonst keines weges rathen kan / daß man die Ruthe oder alle äusserliche Schärffe ohne unterschied von aller Kinder-Zucht entferne / so lehret doch die Sache selbst / und die Erfahrung / daß bey der Anweisung zum Gebet solches mehr Schaden als Nutzen bringe / und hat man also / wenn ernstf 394 Jliehe Bestraffung einiger Boßheit vonnöthen ist / solche lieber zu anderer Zeit auszuüben. Mit welcher Erinnerung auff die Unbesonnenheit einiger Praeceptorum und Eltern gesehen wird / und werden verständige schon selbst in allem die rechte Maaß zu geben wissen / daß weder zur Rechten noch zur Lincken zu viel geschehe. Im übrigen hat man dann (395) dahin zu sehen / daß die Kinder auch selbst nicht allein ihre Hände bescheidentlich zu GOtt auffheben / sondern auch einige feine und anfänglich kurtze Sprüchlein sprechen lernen / absonderlich / welche die süsse Liebe unsers HErrn JEsu Christi / und das theure Werck der Erlösung am klärlichsten fürstellen. Und ist in dem gantzen Leben (396) für die Kinder ein grösserer Vortheil / wenn ihr Gedächtniß mit vielen Biblischen Sprüchen als wenn es mit vielen andern Gebets-Formuln erfüllet wird / die doch in ihrer maasse auch nicht dürffen versäumet werden / wenn nur so wol bey diesen als bey jenen in acht genommen wird / daß man den Kindern auch suche den rechten Verstand dersel- (397)b igen / so viel ihre Fähigkeit zulässet / beyzubringen / welches durch fleißige und zugleich freundliche Frage und Antwort am beqvemlichsten geschehen kan. So ist auch vonnöthen / daß man die Kinder der Allgegenwart Gottes fleißig erinnere / oder durch andere absonderlich Evangelische Ermahnungen immer die Auffmerck- samkeit des (398) Gemüths / und die rechte Andacht bey ihnen erwecke und stärcke / auch sie nach und nach mit Worten der H. Schrifft unterrichte / wie gnädig GOTT ihr Gebet erhöre / und wie es ihm um Christi willen so wol gefalle. Wann dieses einiger massen in die Übung gebracht / davon zwar vieles zu erinnern wäre / 7 so es
7 Vgl. die parallelen Ausführungen im „Unterricht“, vorl. Ausg., S. 141 ff.