6. Anweisung zu beten, 1695

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für dieses mahl die noch vorhabende (399) Außführung anderer nöthigen Stücke zulassen wolte / und die Kinder nun einige auff ihren Zustand gerichtete / und sonst insgemein nöthige Gebets-Formeln und Sprüchlein fein nachsprechen können / muß man es auch dabey nicht lassen / sondern sie zu einer höhern Stuffe leiten / daß sie auch lernen selbst ihre Noth dem lieben GOTT fürtragen j(400) welches fast leichter bey den Kindern zu erhalten ist / als bey den Alten / welche von vielen Jahren her kein ander Gebet geübet / als was sie auswendig gelernet / oder im Buche gelesen / und daher meynen / es gehöre eine sonderliche Kunst und Gelehrsamkeit dazu / daß man seine Noth GOTT fürtrage. Die Kinder aber haben darinnen kein (401) solches Vorurtheil / sondern lassen sich gern dazu leiten / daß sie einfältig von Gott etwas bitten / wie sie von ihren Eltern ein Stücklein Brodt heischen / und was sie sonst meynen / daß ihnen nöthig sey. Wenn ihnen nun fleißig fürgehalten wird / daß man alles gute von dem lieben Gott als unserm himmlischen Vater empfange / und also auch alles (402) im Gebet von ihm erbitten müsse / und ihnen darinnen mit sanfft- müthigem Geiste fürgehet / auch mit ihrer Schwachheit / wann sie es nicht auff einmahl recht machen / Gedult traget / so wird es bald die Erfahrung lehren / wie reichlich GOtt solche Anleitung auch bey den zarten Kindern segne / und sich die Wirckungen des heiligen Geistes so (403) kräfftig beweisen / daß sie eine wahre Andacht und Erhebung des Hertzens zu GOtt spüren lassen / und alles fein ordent­lich und andächtiglich dem lieben GOtt fürzutragen wissen. Es fehlet dann zwar nicht / daß sich nicht die verderbte Natur auch zeigen solte / sowol in vieler Heuche- ley und Verstellung / oder in offenbarer Wiederspenf 404) stigkeit und Unwilligkeit zu beten / als auch absonderlich darinnen / daß sie leicht wiederum ihre eigenen Worte / die sie einige mahl gebrauchet / zu einer Formel machen / und solche dann ohne hertzlicher Andacht daher sprechen. Darum muß man aber solche Anführung nicht unterlassen / sondern die äusserliche Pädagogie oder Anführung beyf 405) ihnen einfältiglich gebrauchen / und an guten Ermahnungen und nachdrücklichen Für­stellungen nichts ermangeln lassen / und selbst für die Kinder im Gebet eiffrig an- halten / und dann wie ein Ackermann auff die köstliche Frucht warten / und geduldig drüber seyn / biß man empfahe (406) den Morgen-Regen und den Abend-Regen des göttlichen Segens / Jac. V,7. In solcher Anführung aber ist sonderlich dienlich / daß die Kinder bey Zeiten gewehnet werden / aus den Sprüchen H. Schrillt / die sie aus­wendig gelernet / Gebetlein zu formiren / aus welcher Übung sie zu(407) gleich. mancherley Nutzen schöpffen / daß sie ihnen solche Sprüche desto besser bekant machen / daß sie dieselben besser verstehen lernen / daß die Gabe des Gebets täglich bey ihnen vermehret wird / und daß sie mit den Worten der H. Schrifft beten lernen / welches denn sonderlich bey zunehmenden Jahren unter Creutz und Trübsahl man­chen (408) Trost und Süßigkeit in dem Hertzen erwecket. Auch ist es zur wahren Gottseligkeit nicht wenig förderlich / wenn man die Kinder / so bald man einige Fertigkeit und Willigkeit bey ihnen findet / ihr Hertz für GOtt auszuschütten / auff die Worte unsers Heylandes weiset / da er spricht: Matth. VI, v.6. Wenn du betest / (409) so gehe in dein Kämmerlein / und schleuß die Thür zu / und bete zu deinem Vater im Verborgen / und dein Vater / der in das Verborgene siehet / wird dirs ver­gelten öffentlich. Dabey man denn die Kinder zu unterrichten hat / (410) daß sie solche Worte fein in die Übung bringen möchten / und nicht allein beten / wenn man sie dazu anhielte / sondern auch für sich allein / wenn sie erwacheten / oder ehe sie ein- schlieffen / oder sonst wenn sie die Gelegenheit dazu finden / auch ihre Knie zubeugen für ihrem Vater / und einfältiglich alle gute Gabe von ihm zu erbitten. So hat (411) man sie auch ferner immer deutlicher anzuweisen / was sie beten sollen / nem- lich für allen Dingen um das geistliche / und was ihre Seele angehet / um die Erleuch- 25 Peschke, Francke-Werke