6. Anweisung zu beten, 1695
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mit seinem Gebet ein rechter Ernst ist. Diejenigen aber / welche solche Aufferziehung nicht gehabt / sondern nach der gewöhnlichen Weise zu nichts anders angeführet sind / als einige Gebetlein auswendig herzusagen / haben desto mehr sich nun dahin zu bestreben / (424) daß solcher große Mangel ersetzet werde / welches denn gewiß geschehen wird / wenn sie der in dem andern und dritten Capitel gegebenen Anleitung treulich folgen werden. Und wird ihnen GOtt dann schon selbst die Hand bieten / und sie von einer Stuffe des Gebets zur andern erheben / daß sie durch die würckliche Erfahrung mehr davon (425) werden innen werden / als ihnen mit Worten kan gesaget werden. Denn was Johann Arnd und andere von GOTT erleuchtete Männer von den unterschiedenen Stuffen des Gebets geschrieben / und von dem Unterscheid des mündlichen / innerlichen / und übernatürlichen Gebets gelehret / 8 ist keine blosse Einbildung / sondern wird alles in der Warheit (426) also befunden von denen / welche in fleissiger Übung des Gebets stehen. Sich selbst aber kan keiner zu einiger hohem Stuffe bringen / sondern solche Vermessenheit würde vielmehr gestraffet werden. Alles findet sich gleichsam von sich selbst / oder wird dem Menschen von der gütigen Hand des himmlischen Vaters zugeworffen / wenn nur der Mensch das (427) Gebet fleißig und ernstlich / und nicht als ein äusserliches Werck/ sondern als ein warhafftiges Gespräch seines Hertzens mit GOtt in Demuth und gläubiger Zuversicht übet. Deswegen sich auch keiner darum bekümmern darff / wenn er eine höhere Stuffe noch nicht verstehet / noch sich drein zu schicken weiß / sondern sol nur sich der (428) selben noch zur Zeit unwürdig halten / und in dem wenigen / was er erkennet / treu seyn / so wird ihm GOTT schon zur rechten Zeit und Stunde das höhere auch anvertrauen / vielleicht ehe er es gemeynet. So auch einer von GOtt gewürdiget wird einiger hohem Stuffe des Gebets / darff er keines weges um des willen eine niedrigere Stuffe ver(429) achten / und sich deren ent- schlagen / daß er gedencken wolte / weil er nun aus dem von Gott geschenckten Schatz seines Hertzens beten könne / so wolle er keine Gebets-Formel mehr gebrauchen. Ach nein! Das Gebet des HErm hat noch viel in sich / das dir noch wird erst recht süsse werden / wenn sichs mit dem Schatz / den dir Gott in dein Hertz gege- (430) ben / vereinigen wird. Bete nur fleissig die schönen Psalmen Davids / und gute Sprüche Heil. Schrifft / wie du sie auff deinen Zustand beqvem findest. Dadurch wird dir die Gabe / so dir GOtt verliehen / täglich vermehret und gestärcket werden; oder / daß du gedencken woltest / wenn du nun recht erkant / was das innerliche und stetige Gebet (431) des Geistes sey / so wollest du nun gar nicht mehr mit dem Munde beten / oder äusserliche Worte machen. Diese Versuchung ist nicht ungewöhnlich / und kan dir leicht begegnen / aber betrachte nur / daß es mit dem Exempel unsers lieben Heylandes und seiner theuresten Zeugen offenbarlich streite / so wirst du bald erkennen / wie dich solches so gar (432) auff einen Irr-Weg führen könne. Ja du köntest dadurch in die allergrösseste Gefahr deiner Seelen gerathen / und alles wieder verlieren / was du durch die Barmhertzigkeit GOttes erlanget / wenn du solcher Versuchung Raum gäbest / und das mündliche Gebet unterlassest / oder hieltest es nur für eine Übung der Schwachen. Wir (433) sind traun alhier noch nicht in der Stärcke / daß wir solcher Übung entrathen könten / und gesetzt / daß wir so starck wären / daß wir ver- meyneten auch ohne solcher Übung stets gleichsam als in einem Anschauen GOttes im Glauben zu beharren / dabey ich mich aber grosser Vermessenheit besorge / so kommet uns doch nicht zu von demjef 434)nigen abzuweichen / was uns die Heil.
8 Vgl. J. Arnd, Wahres Christentum, II. Buch, Kap. 20 (21); Ph. J. Spener, Predigten Uber des seeligen Johann Arnds Geistreiche Bücher Vom Wahren Christenthum, Frankfurt a. M. 1706, II. Buch, S. 170 ff.