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VII. Schriften zur Lebensführung

Schrifft lehret / und etwas zu erwehlen / das wir aus der H. Schrifft nicht behaupten können. Eben durch solche Unterlassung des mündlichen Gebets würde der Mensch am meisten verhindern / daß er nicht zu höhern Stuffen im Gebet erhoben / und mehrer Gnade und Gaben von GOtt theilhafftig würde. (435) Sich selbst würde er vieler Erhörung des Gebets / den Nechsten vieler Erbauung / und GOtt vieles Lobes und Preises berauben. Es ist mehr an der Außsprechung und Bekentniß des Mundes gelegen als man gedencket / und last sich in gewisser Maasse auch hieher führen / was Paulus nicht ohne grossem Nachdruck saget: So (436) man von Hertzen gläubet / so wird man gerecht / und so man mit dem Munde bekennet / so wird man selig. Rom. X,10. Denn also wird es viele Erfahrung im Gebet lehren / daß eine Gnade und Seligkeit der andern die Hand biete / wenn das Gebet des Hertzens sich mit dem Gebet des Mundes (437) vereiniget / und wenn also das Lob-Opffer / auff dem Altar eines gläubigen Hertzens zubereitet / GOtte geopfFert wird / welches ist die Frucht der Lippen / die seinen Nahmen bekennen. Ebr. XIII, vers. 15. Und also must du auch nicht gedencken / wenn du von GOtt begnadiget (438) bist / etwas von demjenigen / was der theure Johann Arend und andere Zeugen GOttes das übernatürliche Gebet nennen / zu schmecken / daß du dich dessen als eines Eigenthums annehmen dörffest. Denn ob zwar GOtt / wenn er einmahl angefangen hat sich über einen Menschen zu erbarmen / als eine stets fliessende Qvelle immer mit neuer (439) und grösserer Gnade auff dem Menschen gleichsam zuzuströmen pfleget / so bleiben doch alle Gaben des Gebers / und er hat sie in seiner Hand / daß er sie gebe / wenn / wem / und in welcher Maaß er will / und sie wieder nehme / wenn er erkennet / daß es zur Demüthigung des Menschen dienet / damit der Mensch sehe / daß es eine pur lautere Gnade Got- (440) tes sey / und daß man nichts dergleichen aus eignen Kräfften zu wegen bringen könne; Ja GOtt findet auch nach seiner Gerechtigkeit Ursache / von seinen Gaben den Menschen wiederum zu entblössen / wenn der Mensch sich derselbigen erhebet / ihm selbst darinnen wohlgefället / darauf! trotzet / der Heiligung nicht desto ernst­licher nach(441) jaget / andere neben sich verachtet / oder sonst auff andere Art und Weise dieselbigen mißbrauchet. Darum gedencke auch hier an den Spruch Sy- rachs Cap. III. vers. 19.20. Je höher du bist / je mehr dich demüthige j so wird dir der HErr hold seyn. Denn GOtt ist der Allerhöheste / und thut doch grosse Dinge durch die Demüthigen. Damit (442) du aber noch klarer und deutlicher erkennest / wie du im Gebet wachsen und zunehmen mögest / so mercke auff folgende Reguln:

I.

Betrachte fleißig in der heiligen göttlichen Schrifft diejenigen Oerter / da vom Gebet gehandelt wird. (443) Damit du eine gründliche Erkentniß erlangest alles desjenigen / was vom Gebet zu wissen nöthig und heilsam ist. Denn damit wirstu auch zugleich verhüten / daß du nicht in allerley Irr-Wege gerathest sondern in der Übung des Gebets dich allezeit in den Schrancken haltest / welche dir durch Lehre und Exempel in dem theuren Worte (444) GOttes gesetzet sind; und wirst allezeit durch solchen edlen Samen des göttlichen Worts / je fleißiger er in dir ausgestreuet / und in einem gläubigen Hertzen bewahret ist / neue Früchte des Gebets herfür gehen sehen.

II.

Fürnemlich siehe allezeit auff drey Stücke [1] auff den Befehl GOttes / (445) der das Gebet von allen seinen Kindern ohne Unterscheid erfordert. [2] auff die gnädige Verheissung Gottes / daß er das Gebet gewiß erhören wolle um des Blutes Jesu -willen / in welchem wir einen freien Zugang zu ihme haben. [3] auff dein eigenes Hertz / daß