6. Anweisung zu beten, 1695
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es rechtschaffen bußfertig und gläubig sey / und zum we/446/nigsten ein ernstlich Verlangen darnach habe / weil dz Gebet derer / die sich nicht bekehren wollen /ein Greuel ist für Gott.
III.
Wenn du auch sonnsten die heilige Schrifft zu deiner Erbauung zu lesen für dich nimmest; so ließ sie mit Gebet und Flehen für Gott / dazu ich dir einige (447) Anleitung gegeben habe / in dem einfältigen Unterricht die heilige Schrifft zu seiner Erbauung zu lesen. 9 Denn also wird immer mehr lebendiges Wasser zu deinem Brünlein zu qvillen / daß du werden wirst wie ein Wasser-reicher Garten / dem es nimmer an lebendigen Wassern fehlet.
(448) IV.
Laß dir sonderlich angelegen seyn / die Wohlthaten und Gnaden Verheissungen Gottes aus dem Evangelio zu betrachten und zu erwegen. Denn dadurch wird der Geist der Kindschafft in dir erwecket und erhoben / dadurch aller An/449/fang / Mittel und Ende des Gebets herkommen muß. Solche göttliche Wohlthaten sind dir in einem kurtzen Begriff fürgestellet in dem feinen Büchlein Hn. D. Speners / genannt die lautere Milch des Evangelii. 10
V.
Verachte nicht anderer Gabe / welche sie von Gott (450) empfangen haben so wohl in der Erkentniß dessen / was zum wahrhafftigen Gebet gehöret / als auch in der Übung und Erfahrung des Gebets selbst. Betrachte was andere vom Gebet geschrieben / und prüffe es nach dem Worte GOttes; und wenn du die Gelegenheit darzu haben kanst / so versäume sie nicht / daß du auch andere beten hörest / und in (451) deinem Hertzen ihnen nachbetest. Denn auch darinnen wirstu die mannich- fältigen Gaben GOttes zu seinem Lobe erkennen / und selbst vieler Gabe theilhafftig werden / gleich wie eine Kohle immer die andere anzündet. Ja auch / wenn du solche Gebet-Büchlein hast / die durch den Geist Gottes geschrieben sind / so wird auch das deine Gabe im (452) Gebet vermehren / wenn du aus denenselben mit gebührender Andacht / die Gebets-Formuln lesen wirst; wiewohl ich nimmer rathe / daß man sich allein an die Gebet-Bücher binde.
VI.
Glaube allezeit gewiß / daß je fleißiger und ernstlicher du das Gebet üben (453) wirst / je mehr wird dir GOtt mit seiner Gnade und Gabe darinnen zu hülffe kommen; je weniger du aber dich zu Gott nahen wirst / je geringer und elender wirst du werden nicht allein in deinem Gebet / sondern auch in deinem gantzen Christenthum. Denn du must mit GOtt ver/454/traulich umgehen lernen / wenn du begehrest / daß deine Gabe im Gebet zunehme.
VII.
Hierzu wird dir sonderlich dienen / daß du die große Würdigkeit des Gebets j welche sie aus dem Verdienst des Sohnes GOttes empfähet / recht bedenckest. Denn /455/was
9 Vgl. vorl. Ausg., S. 216 ff.
10 Ph. J. Spener, Die lautere Milch des Evangelii, oder die Lehr von den Gnaden- und Heilsschätzen, welche die Gläubigen in Jesu Christo haben, besitzen und genießen, Frankfurt a. M. 1685.