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VII. Schriften zur Lebensführung
ist würdigers und grössers / als daß ein Mensch mit GOtt reden darff ? daß das Gebet so im Nahmen CHristi verrichtet wird / GOtt so angenehm ist / als ob es sein ein- gebohrner Sohn selbst für ihm verrichtete? daß du unter der Menge vieler tausend Heiligen als ein Priester GOttes / abgewaschen in dem Blute des Lammes / dein (456) Hände-auffheben als ein angenehmes Opfer für GOTT bringen darffst? Daß du in dem Blute JEsu allezeit einen freyen Zugang hast in das allerheiligste / das ist zu Gott selbst in den Himmel? Daß nicht ein Seuffzerlein / noch Thränlein / noch ein Wort / so im Gebet von dir in der Wahrheit ausgesprochen ist / wird verlohren seyn / sondern als (457) eine Frucht des Geistes einen ewigen Segen mit sich bringen wird / zum ewigen Lobe und Preise dessen / der solches gewircket hat? Wenn du dieses und vieles anderes / so zur Würdigkeit des Gebets gehöret / fleißig erwegest / so wird es dich im Gebet kräfftig erwecken / daß du darinnen nicht ermüdest / noch schläffrig werdest.
(458) VIII.
Habe acht auff die mannichfältige Erfahrung im Gebet / so wohl welche andere davon erlanget / als deren dich GOTT selbst gewürdiget / und zwar fürnehmlich auff deine eigene Erfahrung. Denn dadurch wird man sehr gestärcket / wie man denn siehet daß auch in der heiligen (459) SchrifFt die Väter sich auff solche Erfahrung beruffen haben / und mit desto grösserer Zuversicht sich an GOtt gehalten / wenn derselbige ihr Gebet allezeit erhöret / und sie aus allen ihren Nöthen errettet.
IX.
Laß dich niemahls bereden / daß deine Geschaffte so über(460)häufft seyn j daß du nicht ein Räumlein zu beten finden soltest. Denn beten und arbeiten muß immer zusammen fortgehen / und GOtt ist so treu / daß er es seinen Kindern nimmer an der Zeit gantz und gar ermangeln lasset / für sein Angesicht zu kommen / wenn sie sich nur zu ihm dringen / und sich nicht selbst gern (461) entschuldigen bey aller geringen Verhinderung. Auch unter aller Arbeit wird dir es eine grosse erleichterung und zur Übung des Gebets eine merckliche Forderung geben / wenn du alles suchest mit stillem Gemüth und in einem göttlichen Frieden zu verrichten. Denn je mehr du entweder deine Gedancken zerstreuest / oder allerley Affecten (462) bey dir auff- wallen lässest / je ungeschickter und untüchtiger wirst du zum Gebet seyn. Darum muß auch alle deine Arbeit nicht ohne vielen untergemischten Hertzens-Gebetlein verrichtet werden / damit sich dein Gemüth immer mehr und mehr gewähne / sich von deinem Vater niemals zu verlauffen / ob du gleich keine würckliche Gedancken und xeüexi(463) on auff GOtt und dessen Gegenwart allezeit bey dir empfinden kanst / wie denn solches eine jegliche Art der Arbeit nicht zu lasset / und die in GOtt geheiligte Arbeit selbst an statt eines Gebets ist für Gott.
X.
Halte ja nicht das Lob und den Danck / so wir Gott schuldig (464) sind für alle seine geistliche und leibliche Wohlthaten für ein geringes Stück des Gebets / sondern gewehne dich vielmehr / daß du in allen Dingen / so dir begegnen / die Wohlthaten GOttes und seine wunderbahre Güte erkennest / welches dich nicht allein von vieler Unzufriedenheit (465) und Unvergnüglichkeit des Gemüths befreien / sondern dir auch viele